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bi_in polen

Published on Wednesday, 14. November 2007, 18:50.
About: bi biographie, reise, polen, maria
Anfang der Sommerferien 1974 fuhren wir also zu fünft auf der Autobahn durch die DDR Richtung Berlin und um den Berliner Ring weiter nach Stettin.
Dort besichtigten wir Stadt und Hafen. Als wir am Kai an den großen Dampfern vorbeischlenderten und uns dabei unterhielten, wurden wir von ein paar Teenagern angepöbelt. Leider konnten wir sie nicht verstehen, aber offensichtlich missfiel ihnen, dass wir Deutsch sprachen. Die deutsche Bevölkerung in Stettin war ja komplett durch Umsiedler aus der polnischen Ukraine ersetzt worden, und von diesen waren gerade junge Menschen mehr deutsch- als russenfeindlich eingestellt.
Das änderte sich aber bald, da die Russen auch aus den neupolnischen Gebieten immer noch Industriegüter und vieles andere Wertvolle in ihre Heimat abtransportierten.- Von Stettin fuhren wir nach Himmelstädt, ein kleines Dorf bei Landsberg/Warthe, wo Lydia Liebe, die zweite Schwester meines Vaters mit ihrem Mann einen Hof mit kleiner Gastwirtschaft besessen hatte.
Wohnhaus und Wirtschaft waren aufgeteilt an zwei Familien aus der Ukraine. Die Krone der uralten Linde vor der Haustür war noch mächtiger geworden und der große Fischteich hinter dem Haus glitzerte noch im Sonnenlicht wie früher. Aber ansonsten sah alles sehr verwahrlost aus. Da wir kein Polnisch konnten, trauten wir uns nicht, den Jungen und den alten Mann, die wir sahen, anzusprechen. Das halbe Dutzend alter Bauernhöfe, die mir früher in der ländlichen Umgebung so märchenhaft erschienen, gab es noch, aber alles sah so fremd aus und schien zu der Kolchose zu gehören, die am Dorfrand mit großen Stallgebäuden und Scheunen in russischem Stil gebaut worden war.

So fuhren wir bald weiter durch die große Stadt Landsberg, die irgendwie auch schon polnisch aussah (vor allem natürlich, da sämtliche Schriftzeichen polnisch statt deutsch waren), in meine alte Heimat nach Neu Bentschen und Groß Dammer zur Familie meines alten Freundes, des Heizers Jakub Jokiel.

Er wohnte mit seiner Frau, seiner Tochter Celina und ihrem Mann Dominik Manja und deren fünf Kindern in einem schönen Bauerhof am Rand des Ortes, der schon seit vielen Generationen fast rein polnisch war.
Sie hatten es schon im Krieg bezogen. Es war kurz vor dem Krieg mit 9 anderen Gehöften für deutsche Rücksiedler aus der Ukraine gebaut worden. Da dann aber die Dörfer dieser Ukraine-Deutschen bald von der Wehrmacht erobert wurden, blieben diese zuhause und wurden später in den Warthegau umgesiedelt.
Kurz vor Kriegsende versuchte ein deutscher Parteibonze, die Familie aus Ihrem Haus zu vertreiben, um selber dort einzuziehen, aber mein Vater konnte diese freche Gewalttat mithilfe der Behörden verhindern. Erst viel später hat mir Celina gelegentlich davon erzählt.-

Natürlich wurden wir wie gute Freunde aufgenommen. Die Kinder bauten auf dem Rasen hinterm Haus ihr Zelt auf und ich durfte auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen. Nachdem wir zwei Tage lang großartig bewirtet wurden, die Kinder Garten, Scheune und Ställe mit allen Tieren inspiziert, wir einen langen Spaziergang über die Felder in den Wald zu den Ruinen der Adelheidskapelle, die ich noch aus Jungens-Tagen kannte, und in das dahinterliegende Wiesenthal mit dem kleinen Flüsschen "Faule Obra" gemacht hatten, verabschiedeten wir uns und fuhren weiter Richtung Ostpreußen, Marias Heimat.-

Über Posen nach Bromberg, wo wir auch das Haus meines Onkels Kurt Wagner und seiner Familie fanden; die neuen Bewohner waren freundlich, aber niemand mehr da, der Deutsch sprechen konnte.

Weiter ging's nach Thorn, wo wir die von den Polen sorgfältig renovierten historischen Plätze und Gebäude (polnische Fachleute sind bekannt für ihre Restaurationskünste) und die wuchtigen alten Festungseinlagen am Weichselufer besichtigten.

Dann fuhren wir durchs Kulmer Land, bei Kulm über die große Weichselbrücke nach Schwetz und Richtung Danzig bis Münsterwalde, wo wir auf einer kleinen Autofähre nach Marienwerder mit der großen Burg der Ordens-Ritter übersetzten.

Die Autofähre über die Weichsel ist ein großer Kahn, auf den drei Pkw oder zwei Lieferwagen passen. 3 staatliche Fährmänner maneuvrieren den Kahn an einem langen dicken Drahtseil, das an beiden Ufern in großen Betonklötzen fest verankert ist, über den Fluss.
Allerdings brauchen sie dabei nicht stark zu ziehen, sondern nur an der Anlegestelle den Kahn schräg in die andere Richtung zur Strömung zu lavieren, so dass dieser durch den bloßen Strömungsdruck ans andere Ufer getrieben wird. Da dieser praktische Fährbetrieb in staatlicher Regie steht, ist für Fahrzeuge und Personen keine Gebühr zu entrichten.-

Die Burg in Marienwerder ist auf den oberen Rand des Weichsel-Steilufers gebaut, in gleichem Stil wie die berühmtere Marienburg. Da es in früheren Zeiten noch keine Leitungsrohre gab, baute man an die Burg waagerecht über die Steilwand hinaus einen Gang, der auf einem in der Tiefe hoch gebauten engen Steinturm endete. Von der Klosettkammer auf dem Türmchen am Ende des Ganges fielen die Exkremente in einen Kloakengraben, der vom Regenwasser in die Talwiesen entsorgt wurde, ein wohl einmaliges natürliches Spülsystem. Diese Anlage wurde"Danziger" genannt und war u.a. auch in der Thorner Ordensburg eingebaut. -

Über Riesenburg fuhren wir weiter nach Rosenberg (Susz). In dem evangelischen Städtchen betrieb Marias Großvater väterlicherseits bis zum Einmarsch der Russen ein Bauunternehmen. Am Hauptkplatz steht ein großer Dom im Backsteinstil, der früher evangelisch war und jetzt natürlich katholisch ist. Opa hatte schon lange vor dem Krieg bei seinem Firmengelände am Ortsrand auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit seinen Maurern eine katholische Kirche gebaut, die heute auch noch steht. An der Bahnhofstraße hatte er für seine Familie ein großes zweistöckiges Wohnhaus gebaut.

Dort verbrachte Maria oft die Ferien, und ein halbes Jahr lang ging sie auch in die dortige große Schule, die nur zwei Häuser weiter lag.
Das Wohnhaus gehörte nun einer Bank, und von den Angestellten konnte keiner Deutsch.
Eine Lehrerin die vorbei kamen und etwas Deutsch sprach, sagte, wir sollten in das große Altenpflegeheim in der Seitenstraße, die zum Sportplatz und See führte, fragen gehen.
Dort trafen wir eine alte Frau, eine Deutsche, aber mit einem Polen verheiratet, sie hatten auch zwei Kinder, und sie konnte deswegen dableiben. Beide Sprachen konnte sie fließend, ging mit uns Lebensmittel einkaufen und meinte, wir könnten neben der Badeanstalt am See parken und unsere Kinder dort ihr Zelt aufbauen. Ich schlief wieder im Auto. So konnten wir am nächsten Tag noch einen schönen Badeurlaub genießen.

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