14. Sep. 07, 10:24
bi_fluchtversuche2.0
--Ich kam mit 11 Kameraden zu einem Großbauern in der Nähe von Lille. Wir waren in einem kleinen Schuppen am Bauernhof in Doppelbetten untergebracht. Da ich mit keinem meiner Kameraden näher bekannt war, schlich ich mich alleine schon in der zweiten Nacht, als alles zu schlafen schien, ins Freie und marschierte über die Felder Richtung Osten. Dörfer und Gehöfte umging ich und traf gegen Morgengrauen auf eine kleine Schrebergartensiedlung. In einer verlassenen Laube legte ich mich schlafen.Nach einiger Zeit hörte ich Hundegebell, das immer näher kam. Und dann kam eine Grenzpatrouille und brachte mich zurück auf den Bauernhof. Der Bauer beschimpfte mich wild auf Französisch, aber er schlug mich nicht. Da bei der Landarbeit keine Wachen dabei waren, musste für jeden von uns eine Kaution bezahlt werden, und die war bei einem Fluchtversuch verloren. Dann wurde ich in ein Sondergefangenenlager für Evadees (Ausrücker) in Boulogne/sur/mer gebracht. Mir wurden die Haare abgeschnitten (Glatze) und ich bekam drei Wochen Einzelhaft in einer dunklen Zelle. Danach wurde ich mit der restlichen Ausreißergruppe in eine Kohlegrube bei Lille gebracht. Dort schliefen wir in Baracken neben der Grube und wurden abends nach Dunkelwerden von poilus für die Nachtschicht zu Förderbändern gebracht, an denen wir Steine aus den Kohlebrocken herausklauben mussten.
Beim nächtlichen Anmarsch startete ich in der dritten Nacht zu meinem zweiten Fluchtversuch.
Während der Dunkelhaft hatte ich einen neuen Plan ausgeheckt. Mir war eingefallen, daß mein Vater in Melun bei Paris einen Geschäftsfreund hatte, der dort ein Sägewerk betrieb. Auch an dessen Namen konnte ich mich erinneren. Da ich bei meinem ersten Versuch festgestellt hatte, dass der Weg nach Deutschland über die belgische Grenze schwierig war, marschierte ich nun auf einer Landstraße westwärts. Ich trug noch deutsche Landseruniform, wodurch man aber nicht automatisch als Kriegsgefangener auffiel. Am helllichten Tage wanderte ich durch die Dörfler gen Westen ohne groß beachtet zu werden. Nachts schlief ich in irgendeiner Scheune. Erst am zweiten Abend sprach mich ein älterer Dorf-Polizist an, und fragte mich nach woher und wohin. Ich erzählte ihm in meinem holprigen Schul- Französisch, dass ich aus Riga in Lettland geflüchtet sei, da dort nun die Russen regieren. Durch Verwandte hätte ich von einem Sägewerk in Melun gehört, und wolle versuchen, dort Arbeit zu finden. Ich heiße Ulli Filius und wurde am 22.5. 21 in Riga geboren. (Zu Hause wurde ich Ulli gerufen und meine Mutter nannte mich oft filius=lat.Sohn). Da ich keinen Ausweis besaß, sagte mir der Polizist, er müsste mich leider in Gewahrsam nehmen, und brachte mich aufs Gemeindeamt und von da aus ins Rathaus des nächsten Städtchens. Dort wurde ich am nächsten Morgen einem Richter vorgeführt und bekam eine Woche Gefängnis wegen unerlaubten Grenzübertritts auf- gebrummbt. Danach erhielt ich einen grünen Fremden-Ausweis, ähnlich dem deutschen Personalausweis, auf den Namen Ulli Filius und den angegebenen Geburtsdaten. Außerdem eine Eisenbahnfahrkarte nach Melun und etwas Taschengeld. Dieses und den Preis der Fahrkarte musste ich aber später zurückzahlen. Es war schon Spätsommer 1946 als ich mit der Bahn nach Melun fuhr, und mich bei dem Sägewerks-Besitzer unter meinem Pseudonym vorstellte. Ich erzählte ihm, ich sei ein Neffe des Otto Koschmieder aus Neu Bentschen und bitte um einen Arbeitsplatz, den er mir auch sofort zusagte. Also war ich nun Zivilarbeiter mit festem Lohn. Ich fand auch ein kleines Zimmer in der Wohnung einer alten Frau, etwa anderthalb Kilometer vom Sägewerk entfernt und ging nun acht Stunden am Tag, sechs Tage pro Woche dort arbeiten. Als erstes kaufte ich mir von einem meinem Lohn Zivil Klamotten, einen Arbeitsanzug. Mittag aß ich in der Werk-Kantine und bei meiner Wirtin bekam ich Frühstück und Abendbrot. Mein Lohn reichte für Room and Board, viele Extras konnte ich mir aber nicht leisten. Von der ungewohnt schweren Arbeit im Sägewerk war ich abends immer ziemlich müde und brauchte viel Zeit zum schlafen und ausruhen. Der Winter war glücklicherweise recht milde so dass ich mir nicht viel warme Sachen kaufen brauchte. Natürlich hatte ich schon weitere Pläne, um baldmöglichst nach Deutschland zu meinen Eltern zurückkehren zu können. Im Frühjahr kaufte ich mir ein gebrauchtes Fahrrad, um damit im Mai bei wärmeren Wetter zunächst in südlicher Richtung Dijon und dann über Besancon und durch die Schweiz ohne größere Schwierigkeiten nach Deutschland radeln und nach Hause kommen zu können. Dafür sparte ich eine kleine Reisekasse. So ruhte ich mich viel aus für meine große Radtour. Irgendwann Ende April 1947, in den nächsten ein bis zwei Wochen hatte ich vor, loszuradeln, als ich abends müde nachhause kam und ein älterer Polizeibeamter in der Wohnung stand und sich mit meiner Wirtin unterhielt am, bekam ich einen furchtbaren Schreck und ahnte, nun ist alles vorbei. Als er sich an mich wandte, und bevor er viele Fragen stellen konnte, beichtete ich ihm meine Pseudonym- und Gefangenen- Geschichte und nannte ihm meinen richtigen Namen nebst Daten. Wie ich bald merkte, hatte er davon nicht die geringste Ahnung, und durch meine Dummheit hatte ich meinen kühnen Heimkehrplan selber zunichte gemacht. Natürlich ärgerte ich mich furchtbar, aber irgendwie war ich ein klein bisschen erleichtert, wieder unter meinem richtigen Namen leben zu können.-
Beim nächtlichen Anmarsch startete ich in der dritten Nacht zu meinem zweiten Fluchtversuch.
Während der Dunkelhaft hatte ich einen neuen Plan ausgeheckt. Mir war eingefallen, daß mein Vater in Melun bei Paris einen Geschäftsfreund hatte, der dort ein Sägewerk betrieb. Auch an dessen Namen konnte ich mich erinneren. Da ich bei meinem ersten Versuch festgestellt hatte, dass der Weg nach Deutschland über die belgische Grenze schwierig war, marschierte ich nun auf einer Landstraße westwärts. Ich trug noch deutsche Landseruniform, wodurch man aber nicht automatisch als Kriegsgefangener auffiel. Am helllichten Tage wanderte ich durch die Dörfler gen Westen ohne groß beachtet zu werden. Nachts schlief ich in irgendeiner Scheune. Erst am zweiten Abend sprach mich ein älterer Dorf-Polizist an, und fragte mich nach woher und wohin. Ich erzählte ihm in meinem holprigen Schul- Französisch, dass ich aus Riga in Lettland geflüchtet sei, da dort nun die Russen regieren. Durch Verwandte hätte ich von einem Sägewerk in Melun gehört, und wolle versuchen, dort Arbeit zu finden. Ich heiße Ulli Filius und wurde am 22.5. 21 in Riga geboren. (Zu Hause wurde ich Ulli gerufen und meine Mutter nannte mich oft filius=lat.Sohn). Da ich keinen Ausweis besaß, sagte mir der Polizist, er müsste mich leider in Gewahrsam nehmen, und brachte mich aufs Gemeindeamt und von da aus ins Rathaus des nächsten Städtchens. Dort wurde ich am nächsten Morgen einem Richter vorgeführt und bekam eine Woche Gefängnis wegen unerlaubten Grenzübertritts auf- gebrummbt. Danach erhielt ich einen grünen Fremden-Ausweis, ähnlich dem deutschen Personalausweis, auf den Namen Ulli Filius und den angegebenen Geburtsdaten. Außerdem eine Eisenbahnfahrkarte nach Melun und etwas Taschengeld. Dieses und den Preis der Fahrkarte musste ich aber später zurückzahlen. Es war schon Spätsommer 1946 als ich mit der Bahn nach Melun fuhr, und mich bei dem Sägewerks-Besitzer unter meinem Pseudonym vorstellte. Ich erzählte ihm, ich sei ein Neffe des Otto Koschmieder aus Neu Bentschen und bitte um einen Arbeitsplatz, den er mir auch sofort zusagte. Also war ich nun Zivilarbeiter mit festem Lohn. Ich fand auch ein kleines Zimmer in der Wohnung einer alten Frau, etwa anderthalb Kilometer vom Sägewerk entfernt und ging nun acht Stunden am Tag, sechs Tage pro Woche dort arbeiten. Als erstes kaufte ich mir von einem meinem Lohn Zivil Klamotten, einen Arbeitsanzug. Mittag aß ich in der Werk-Kantine und bei meiner Wirtin bekam ich Frühstück und Abendbrot. Mein Lohn reichte für Room and Board, viele Extras konnte ich mir aber nicht leisten. Von der ungewohnt schweren Arbeit im Sägewerk war ich abends immer ziemlich müde und brauchte viel Zeit zum schlafen und ausruhen. Der Winter war glücklicherweise recht milde so dass ich mir nicht viel warme Sachen kaufen brauchte. Natürlich hatte ich schon weitere Pläne, um baldmöglichst nach Deutschland zu meinen Eltern zurückkehren zu können. Im Frühjahr kaufte ich mir ein gebrauchtes Fahrrad, um damit im Mai bei wärmeren Wetter zunächst in südlicher Richtung Dijon und dann über Besancon und durch die Schweiz ohne größere Schwierigkeiten nach Deutschland radeln und nach Hause kommen zu können. Dafür sparte ich eine kleine Reisekasse. So ruhte ich mich viel aus für meine große Radtour. Irgendwann Ende April 1947, in den nächsten ein bis zwei Wochen hatte ich vor, loszuradeln, als ich abends müde nachhause kam und ein älterer Polizeibeamter in der Wohnung stand und sich mit meiner Wirtin unterhielt am, bekam ich einen furchtbaren Schreck und ahnte, nun ist alles vorbei. Als er sich an mich wandte, und bevor er viele Fragen stellen konnte, beichtete ich ihm meine Pseudonym- und Gefangenen- Geschichte und nannte ihm meinen richtigen Namen nebst Daten. Wie ich bald merkte, hatte er davon nicht die geringste Ahnung, und durch meine Dummheit hatte ich meinen kühnen Heimkehrplan selber zunichte gemacht. Natürlich ärgerte ich mich furchtbar, aber irgendwie war ich ein klein bisschen erleichtert, wieder unter meinem richtigen Namen leben zu können.-