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»flucht«

bi_blinder passagier

- Ich wurde natürlich sofort wieder inhaftiert und in ein kleines Evadee-Lager in der Nähe von Bethune gebracht. Es war außerhalb der Stadt auf freiem Feld neu gebaut worden und hatte nur zwei kleine Baracken. Diese waren von einer 2 1/2 Meter hohen Steinmauer umgeben. Darin wurden etwa 20 deutsche Kriegsgefangene, die im letzten Jahr ausgerückt waren, festgehalten.
Normale Kriegsgefangenenlager gab bis zu dieser Zeit in Frankreich nicht mehr, da Ende 1946 alle deutschen Kriegsgefangenen einen zweijährigen Zivilarbeitervertrag in der Landwirtschaft oder anderen Berufen bekamen, nach dessen Ende sie ihr weiteres Leben frei bestimmen konnten. Nur die Evadees mussten-wahrscheinlich aus Prestigegründen-weiter gefangen gehalten werden.
Dort bekam ich zur Strafe zwei Wochen Einzelhaft, brauchte aber weder meine Zivilkleidung ausziehen, noch wurden mir die Haare kahl geschnitten. Wir wurden von Zivilisten bewacht und betreut. Nur der Lagerkommandant war ein Armeefeldwebel. Er notierte eifrig alle meine Personaldaten so wie ich sie ihm vortrug, denn es gab keinerlei Angaben aus meinen früheren Lagern. Da normaler Postverkehr längst wieder möglich war, hatte ich von Melun aus einen kurzen Briefwechsel mit meinen Eltern. Auch von einem alten Kumpel aus der Kriegszeit hatte ich Nachricht. Er arbeitete noch in der Nähe von Roubaix auf einem großen Bauernhof, wo er in einem Nebengebäude die Molkerei selbstständig betrieb.
Darauf baute ich meinen neuen Fluchtplan, da seine Arbeitsstelle nicht sehr weit von meinem Standort entfernt war. Nach Dunkelwerden patrouillierten zwei Zivilwachen alle halbe Stunde außen um unsere Lagermauer. Das war natürlich kein großes Problem für meinen dritten Fluchtversuch.
Etwa vier Wochen nach meiner Ankunft kletterte ich abends bei Dunkelheit über die Mauer, als die Wachen außer Sicht waren, schlug mich in die Büsche und wanderte über die Felder Richtung Roubaix. Im Morgengrauen erreichte ich den Bauernhof, auf dem mein Freund arbeitete, er nahm mich gleich mit in sein Apartment und servierte mir ein nahrhaftes Frühstück. Nach zwei Tagen in denen ich bei ihm mit seinen Milchprodukten wie im Schlaraffenland lebte, startete ich abends im Dunkeln zum ungestörten Grenzübergang im Stadtgebiet nach Belgien. Mein Freund hatte mir genau aufgezeichnet, welche Straßen ich entlanglaufen sollte und am nächsten Morgen wanderte ich schon weit im belgischen Gebiet auf der Straße nach Ostende. Da ich vermutete, dass an der belgisch-deutschen Grenze doch noch schärfere Kontrollen stattfinden, wollte ich in dem Seehafen einen deutschen Küstendampfer suchen, indem ich dann als blinder Passagier mit nach Deutschland fahren könnte. Als ich dann zwei Tage später in Ostende eintraf, fand ich abends im Hafen auch bald ein deutsches Schiff, das am Kai vertaut war. Nach Dunkelwerden enterte ich unbemerkt das Schiff und verkroch mich unter die Plane eines Rettungsboots, die ich von innen wieder zu- schnürte.
Ich schlief auf ein paar Schwimmwesten und wurde morgens-wieder mal-von Hundegebell geweckt.
Die Hafenpolizei hatte mich aufgestöbert und nahm mich-wie schon gehabt-ohne Papiere fest.
Im Amtsgericht wurde ich entsprechend meinen Angaben wegen unerlaubten Grenzübertritts-wieder mal-zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Nach Strafverbüßung wurde ich von einem Polizeiauto an die belgisch-deutsche Grenze bei Trier gefahren und dort französischen Soldaten übergeben. Die brachten mich in das französische Militärlager in Bad Kreuznach, das gleich nach dem Krieg als Gefangenenlager gedient hatte und wo ich nun als solitärer Evadee weiter inhaftiert wurde.
Den Winter über verbrachte ich meist mit Kartoffelschälen in der Kasernenküche.
Im Frühjahr kam mich sogar meine Schwester für zwei Stunden besuchen. Tatsächlich fanden sich dann allmählich noch weitere Evadees ein, so das wir Ende Mai ein Trupp von etwa 20 Mann waren. Also wurden wir nach Friedrichshafen gekarrt, wo wir auf dem großen Flughafen (der ursprünglich für Zeppeline gebaut wurde, dann deutscher und französischer Militärflughafen war) eine gesunde Beschäftigung fanden. Auf einer Landebahn mussten wir ein paar alte Bombenlöcher zu- schippen. Wir wurden von Poilues bewacht und schliefen in einer Baracke neben der Landebahn.
Nach der ersten Arbeitswoche bekamen wir am Sonntag Stadturlaub--- ohne Bewachung !
Ich marschierte zum Bahnhof und bat den nächsten Lokführer, mich in seinem Kohletender mit in die amerikanische Zone zu nehmen.
So unternahmen wie ich wohl fast alle meine Kameraden ihren letzten und finalen Ausreißversuch.
Ich nehme an, die französische Armee wollte ihre letzten Evadees endlich auf elegante Weise loswerden. Am Sonntagabend landete ich in Stuttgart, wo ich eine gute Freundin meiner Mutter aufsuchte und von ihr das Geld für eine Fahrkarte nach Sulingen zu meinen Eltern zu erbat.

bi_fluchtversuche2.0

--Ich kam mit 11 Kameraden zu einem Großbauern in der Nähe von Lille. Wir waren in einem kleinen Schuppen am Bauernhof in Doppelbetten untergebracht. Da ich mit keinem meiner Kameraden näher bekannt war, schlich ich mich alleine schon in der zweiten Nacht, als alles zu schlafen schien, ins Freie und marschierte über die Felder Richtung Osten. Dörfer und Gehöfte umging ich und traf gegen Morgengrauen auf eine kleine Schrebergartensiedlung. In einer verlassenen Laube legte ich mich schlafen.Nach einiger Zeit hörte ich Hundegebell, das immer näher kam. Und dann kam eine Grenzpatrouille und brachte mich zurück auf den Bauernhof. Der Bauer beschimpfte mich wild auf Französisch, aber er schlug mich nicht. Da bei der Landarbeit keine Wachen dabei waren, musste für jeden von uns eine Kaution bezahlt werden, und die war bei einem Fluchtversuch verloren. Dann wurde ich in ein Sondergefangenenlager für Evadees (Ausrücker) in Boulogne/sur/mer gebracht. Mir wurden die Haare abgeschnitten (Glatze) und ich bekam drei Wochen Einzelhaft in einer dunklen Zelle. Danach wurde ich mit der restlichen Ausreißergruppe in eine Kohlegrube bei Lille gebracht. Dort schliefen wir in Baracken neben der Grube und wurden abends nach Dunkelwerden von poilus für die Nachtschicht zu Förderbändern gebracht, an denen wir Steine aus den Kohlebrocken herausklauben mussten.
Beim nächtlichen Anmarsch startete ich in der dritten Nacht zu meinem zweiten Fluchtversuch.
Während der Dunkelhaft hatte ich einen neuen Plan ausgeheckt. Mir war eingefallen, daß mein Vater in Melun bei Paris einen Geschäftsfreund hatte, der dort ein Sägewerk betrieb. Auch an dessen Namen konnte ich mich erinneren. Da ich bei meinem ersten Versuch festgestellt hatte, dass der Weg nach Deutschland über die belgische Grenze schwierig war, marschierte ich nun auf einer Landstraße westwärts. Ich trug noch deutsche Landseruniform, wodurch man aber nicht automatisch als Kriegsgefangener auffiel. Am helllichten Tage wanderte ich durch die Dörfler gen Westen ohne groß beachtet zu werden. Nachts schlief ich in irgendeiner Scheune. Erst am zweiten Abend sprach mich ein älterer Dorf-Polizist an, und fragte mich nach woher und wohin. Ich erzählte ihm in meinem holprigen Schul- Französisch, dass ich aus Riga in Lettland geflüchtet sei, da dort nun die Russen regieren. Durch Verwandte hätte ich von einem Sägewerk in Melun gehört, und wolle versuchen, dort Arbeit zu finden. Ich heiße Ulli Filius und wurde am 22.5. 21 in Riga geboren. (Zu Hause wurde ich Ulli gerufen und meine Mutter nannte mich oft filius=lat.Sohn). Da ich keinen Ausweis besaß, sagte mir der Polizist, er müsste mich leider in Gewahrsam nehmen, und brachte mich aufs Gemeindeamt und von da aus ins Rathaus des nächsten Städtchens. Dort wurde ich am nächsten Morgen einem Richter vorgeführt und bekam eine Woche Gefängnis wegen unerlaubten Grenzübertritts auf- gebrummbt. Danach erhielt ich einen grünen Fremden-Ausweis, ähnlich dem deutschen Personalausweis, auf den Namen Ulli Filius und den angegebenen Geburtsdaten. Außerdem eine Eisenbahnfahrkarte nach Melun und etwas Taschengeld. Dieses und den Preis der Fahrkarte musste ich aber später zurückzahlen. Es war schon Spätsommer 1946 als ich mit der Bahn nach Melun fuhr, und mich bei dem Sägewerks-Besitzer unter meinem Pseudonym vorstellte. Ich erzählte ihm, ich sei ein Neffe des Otto Koschmieder aus Neu Bentschen und bitte um einen Arbeitsplatz, den er mir auch sofort zusagte. Also war ich nun Zivilarbeiter mit festem Lohn. Ich fand auch ein kleines Zimmer in der Wohnung einer alten Frau, etwa anderthalb Kilometer vom Sägewerk entfernt und ging nun acht Stunden am Tag, sechs Tage pro Woche dort arbeiten. Als erstes kaufte ich mir von einem meinem Lohn Zivil Klamotten, einen Arbeitsanzug. Mittag aß ich in der Werk-Kantine und bei meiner Wirtin bekam ich Frühstück und Abendbrot. Mein Lohn reichte für Room and Board, viele Extras konnte ich mir aber nicht leisten. Von der ungewohnt schweren Arbeit im Sägewerk war ich abends immer ziemlich müde und brauchte viel Zeit zum schlafen und ausruhen. Der Winter war glücklicherweise recht milde so dass ich mir nicht viel warme Sachen kaufen brauchte. Natürlich hatte ich schon weitere Pläne, um baldmöglichst nach Deutschland zu meinen Eltern zurückkehren zu können. Im Frühjahr kaufte ich mir ein gebrauchtes Fahrrad, um damit im Mai bei wärmeren Wetter zunächst in südlicher Richtung Dijon und dann über Besancon und durch die Schweiz ohne größere Schwierigkeiten nach Deutschland radeln und nach Hause kommen zu können. Dafür sparte ich eine kleine Reisekasse. So ruhte ich mich viel aus für meine große Radtour. Irgendwann Ende April 1947, in den nächsten ein bis zwei Wochen hatte ich vor, loszuradeln, als ich abends müde nachhause kam und ein älterer Polizeibeamter in der Wohnung stand und sich mit meiner Wirtin unterhielt am, bekam ich einen furchtbaren Schreck und ahnte, nun ist alles vorbei. Als er sich an mich wandte, und bevor er viele Fragen stellen konnte, beichtete ich ihm meine Pseudonym- und Gefangenen- Geschichte und nannte ihm meinen richtigen Namen nebst Daten. Wie ich bald merkte, hatte er davon nicht die geringste Ahnung, und durch meine Dummheit hatte ich meinen kühnen Heimkehrplan selber zunichte gemacht. Natürlich ärgerte ich mich furchtbar, aber irgendwie war ich ein klein bisschen erleichtert, wieder unter meinem richtigen Namen leben zu können.-