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»freischar«

bi_mein bester freund

In Neu Bentschen hatten wir ein kleines Mansarden Zimmer, wo wir im Winter unsere Heimabende abhielten. An einem Dezemberabend 1935 trat der Dorfpolizist ein, beschlagnahmte unsere Gruppen-Utensilien und befahl uns, in die Hitler Jugend einzutreten. Noch im Sommer 1936 machten wir in Freischar-Kluft (blaues Hemd, Halstuch und Knoten) unsere Wochenend-Fahrten zu den Obraseen. Diese langgestreckte Seenkette, verbunden durch den kleinen Obra-Fluss, verlief etwa 100 Kilometer weit in Nord-Süd Richtung östlich von Neu Bentschen.-
Am Ende des Tuchalla-Sees liegt das kleine Dorf Wojnowo. Dort hatte das Fürstenhaus zu Lippe-Biesterfeld ein einfaches Landschloß. Heute ist in den Gebäuden eine polnische Oberschule mit Internat untergebracht. Prinz Bernhard Leopold, 10 Jahre älter als ich, war in den Sommermonaten oft dort. An kalten Winter Sonntagen, wenn die Seen zugefroren waren, fuhren wir mit dem Rad zum Tuchallasee und liefen kilometerweiter Schlittschuh auf den langgezogenen Seen. Dann kamen wir dicht an dem Landschloß vorbei, aber den Prinzen habe ich natürlich nie gesehen. Man sagte , er sei Hitler-begeistert und SA-Mitglied. Später heiratete er Prinzessin Juliane der Niederlande. -
Am nächsten von uns lag der Bentschener See. Er ist auch der größte der Obraseen. Während die deutsch-polnische Grenze meistens mitten durch die Obra und die Seen ging, war hier ein 3 m breiter Streifen westlich des Seeufers noch polnisch. Deshalb fuhren wir nur an heißen Sommer- nachmittagen dorthin zum Baden, mußten dann aber scharf aufpassen, nicht von unseren „Feinden“, den polnischen Grenzsoldaten , die gelegentlich auf dem Streifen entlang patrouillierten, erwischt zu werden.-
Einer meiner besten Freunde war unser Heizer
Jakub Jokiel, 18 Jahre älter als ich. Er wohnte auf seinem Bauernhof in Groß Dammer. Besonders im Winter ging ich gerne in sein Kesselhaus um mich aufzuwärmen und mit ihm zu unterhalten. Seine Muttersprache war polnisch, aber er konnte genau so gut deutsch sprechen wie ich, da er es auf der Schule gelernt hatte. Er hatte auch seinen dreijährigen Wehrdienst als deutscher Soldat gemacht, war aber im Krieg nicht mehr eingezogen worden, da er in einem „Kriegswichtigen Betrieb“ arbeitete. 1934 hatte Hitler angefangenen, auf einem in Nordsüd-Richtung ver- laufenden Höhenzug, etwa 15 km nördlich, einen Ostwall zu bauen. Da das Sägewerk meines Vaters für die Stellungen viel Holz lieferte, wurde sein Betrieb als kriegswichtig eingestuft. Heute sind die verlassenen Anlagen und Tunnels, die von vielen Fledermäusen und anderen Tieren bewohnt werden, für Touristen freigegeben. Jakob war gerade frisch verheiratet und seine älteste Tochter Celina wurde noch im Krieg geboren. Sie war später mit Dominik Manja verheiratet und erbte den Bauernhof von ihrem Vater.
1974 machte ich nach dem Krieg zum ersten Mal wieder eine Autoreise nach Polen mit meinen vier ältesten Kindern und wir besuchten die Familie auf ihrem Hof.
Seitdem fahre ich jedes Jahr wieder ein bis zweimal nach Polen in die alte Heimat.
- Mein Vater konnte gut polnisch sprechen, was er wohl schon als Junge in seiner Heimat gelernt hat, und später auch schreiben, da er es für sein Geschäft benötigte. Leider haben wir beiden Kinder es nie gelernt, da wir es nicht nötig hat denn, was ich noch heut bedaure. Nach dem Polen Feldzug richtete mein Vater eine Geschäfts Filiale in Radom ein ,einer größeren Stadt 80 km südlich von Warschau. Ein polnischer Freund aus Wollstein,Herr Musiol, leitete dort das Sägewerk. Zweimal nahm mich mein Vater auch auf einer längeren Geschäftsreise mit dem Auto nach Warschau und Lublin mit. In Warschau gab außer dem Sowjet-Hochhaus, das damals noch im Bau war, keine Wolkenkratzer. In Lublin kann ich mich noch gut an das große jüdische Getto erinnern mit der Synagoge und den vielen engen winkligen Gassen.- In Neu Bentschen
gab es manchmal Umzüge der SA, aber sonst keine Demonstrationen. Wir hatten auch weder Kommunisten noch jüdische Mitbürger.-

bi_riesengebirge

--BI. Die besten Erinnerungen an Neu Bentschen sind aber unsre Zusammenkünfte mit der Freischar-Jungengruppe. Im ersten Sommer (1932), ich war 11 Jahre alt, liefen oder radelten wir bei schönem Wetter nach der Schule fast jeden Sonnabend Nachmittag zu einem der großen Seen in der Nähe, die von Wäldern umgeben waren. An einer schönen Badestelle bauten wir unsere Zelte auf, schwammen im See, zündeten ein Lagerfeuer an, kochten Tee und aßen Abendbrot. Danach sangen wir noch lange Lieder aus dem Zupfgeigenhansl beim Mond-oder Sternen-Schein. Dabei zupfte einer die Klampfe (=Gitarre,=Zupfgeige). Wenn es nachts regnete und die Tropfen auf die Zeltbahnen trommelten fühlte ich mich darunter geborgen wie im siebenten Himmel. Am Sonntag abend ging es wieder nachhause.
In den Ferien ging es oft in ein mehrtägiges Zeltlager, meist mit der Bahn in weiter entfernte Gegenden.
Im Juli 1933 fuhren wir in die Lüneburger Heide zu dem großen Zelt-Lager der Bündischen Jugend mit der Deutschen Freischar und vielen anderen Gruppen, auch Gäste aus dem Ausland. Für die über 1000 Teilnehmer, fast alles Jungens, nur wenige Mädels, war alles gut organisiert mit Veranstaltungen aller Art ,Theater- Vorführungen, Singabenden, auch Kantine, Poststelle, Dusch-Anlagen, eine Gemeinschafts-Küche und so weiter. Unser Stamm blieb zwei Wochen dort. Es war das letzte große Gemeinschafts Lager, denn bald danach wurde die Bündische Jugend verboten.
Unsere kleine Freischargruppe machte weiter ihre Treffs und Fahrten.
Für die Weihnachtferien 1933 war ein Winterlager im Riesengebirge geplant: am zweiten Feiertag mit der Bahn nach Krummhübel, dann auf Skiern über den Gebirgskamm in ein kleines deutsches Dorf im Sudetenland(Tchechoslowakei).
Kurz vor Heiligabend bekam ich es mit der Angst zu tun, und sagte ab. Dafür nahm ich aber 1934 teil. Es war herrlich.
Wir fuhren vormittags mit dem Zug nach Züllichau, wo das zweite Fähnlein zustieg. Wir waren ein Dutzend Jungens plus Stamm-Führer. Über Grünberg und Schildberg trafen wir am späten Nachmittag in Krummhübel ein. Dort lag viel Schnee mit guten Skispuren. Da es schon langsam dunkel wurde, schulterte ich meinen Rucksack, schnallte meine Skier an und lief alleine los auf der gleichmäßig ansteigenden Spur zum Gebirgskamm. Ich hatte ja schon vor sechs Jahren in Berwang Skilaufen gelernt, und war auch schon zweimal mit meinen Tanten Margarethe und Elfriede aus Breslau während der Winterferien im Riesenbirge gewesen. Ich hatte mir auf der Karte den Weg über den Kamm zu unserem Dorf genau eingeprägt und da der Mondschein auf dem weißen Schnee hell leuchtete, konnte man weit sehen. Kurz vor dem Dorf holte mich unsere Gruppe ein. Ich schlief wunderbar in dem duftenden Heu. In den letzten Tagen des Jahres machten wir Abfahrten und Langlauftouren auf dem Gebirgskamm. Am Silvesterabend zündeten wir ein großes Holzfeuer auf dem Feld hinter unserer Scheune an und sangen zur Klampfe viele Lieder. Um Mitternacht gab es heißen Tee mit Honig und einem Schuss Rum, dazu Rollmops mit Schwarzbrot und Schlagsahne, beides frisch vom Bauern. Raketen schießen war damals bei den Gebirgsbauern (ebenso wie bei uns) noch unbekannt. Nur ein paar andere Neujahrsfestfeuer konnte man in der Umgebung sehen. Drei Tage später fuhren wir mit der Bahn von Krummhübel nachhause zurück.-

bi_dr. doolittle

Die fünf Jahre in der kleinen Ortsgruppe der Deutschen Freischar waren für mich neben Familie und Schule ein wichtiger Lebensabschnitt. Wir waren meist nur fünf bis sechs Jungen in meinem Alter mit unserem mehrere Jahre älteren Fähnlein-Führer Willy Thomas und gehörten zum Stamm Züllichau-Schwiebus. Unser Stamm-Führer in Züllichau, einer Kreisstadt etwa 25 km südwestlich von Neu Bentschen und ebenso weit südlich von Schwiebus, war Referendar am dortigen Amtsgericht und zur Hitler-Zeit Mitglied der Reiter- SA geworden, weil er sich dort am wenigsten politisch engagieren musste. Der Vorteil, nahe der Natur leben und unsere Fahrten machen zu können, war natürlich auch der Nachteil, wenig von den Auswirkungen der N.S.- Politik in den größeren Städten mit zu bekommen.
Alle ein bis zwei Monate fuhren meine Eltern mit dem DKW nach Berlin. Manchmal nahmen sie mich mit, und dort sah ich meine erste Oper: den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber in der Staatsoper. Ein andermal fuhren wir abends im Dunkeln nachhause und auf der Autobahn vor Frankfurt an der Oder lief uns ein Reh ins Scheinwerferlicht. Meine Mutter saß am Steuer und konnte nicht mehr schnell genug bremsen, so daß das Reh vom Kühler umgestoßen wurde. Es sprang aber schnell wieder auf und lief davon. Wenn meine Eltern alleine mit dem Auto weggefahren waren konnte ich abends schlecht einschlafen, bis ich den Motor im Hof unter meinem Zimmerfenster hören konnte. Manchmal wachte ich auch nachts schweißgebadet auf und sah in einem Albtraum vom Fußende des Bettes her einen Tiger oder einen Stier auf mich zuspringen, vielleicht, weil ich damals das Buch „Dr.Doolittle“`s Tiere las.- Meine Eltern waren mit dem Lehrerehepaar Engelmeyer befreundet, mit denen sie oft abends Bridge spielten, wenn mein Vater Zeit hatte bei uns zuhause im Wohnzimmer. Meine Mutter rauchte dann zwei bis drei Zigaretten und wenn ich nachts aufwachte, schlich ich mich ins Wohnzimmer, um den Zigarettenduft zu genießen.- Mein Vater war streng aber gerecht, und ich kann mich daran erinnern,dass er- ich muss wohl sehr ungezogen gewesen sein-mir abends mit seinem Rohrstock drei leichte Schläge auf den nackten Po gab und ich mich im Wohnzimmer unter den Flügel hockte und heulte, die Strafe aber nicht als ungerecht empfand.- 50 m nördlich unseres Wohnhauses führte er eine Querstraße westwärts-damals fast noch unbebaut-leicht ansteigend etwa 400 m zum großen Sportplatzgelände. Diese Straße war an beiden Seiten mit kleinen Lindenbäumen bepflanzt und führte nach der anderen Seite zu dem großen Platz mit dem Schulgebäude. Mein Vetter Willi Liebe, dessen Vater in Himmelstedt bei Landsberg/Warthe einen kleinen Bauernhof mit Gastwirtschaft betrieb, war 12 Jahre älter und damals anderthalb Kopf größer als ich. Als er uns einmal im Frühjahr besuchte, gingen wir beide Lindenblüten sammeln. Er konnte den ganzen Baum abflücken, ich aber nur die untersten Zweige erreichen. Heute sind diese Bäume so groß, dass wir beide die Krone nicht mehr erreichen könnten. Das Sportgelände ist heute noch in Betrieb und hatte damals schon einen großen Fußballplatz mit Aschenbahn, Umkleideräume, Bolzplätze und zwei extra eingezäunte Tennisplätze, auf denen meine Eltern oft spielten und ich auch oder erwerben begeistert lernte. Ein bis zweimal im Sommer fuhren meine Eltern mit uns Kindern im Auto zu einem kleinen Regional-
tournier in einer Nachbarstadt, wo sie auch -meist als Doppel-selber (unter ferner liefen) mitspielten. Durch seine Kriegsverletzung war mein Vater immer noch ein wenig behindert. Diese Fahrt war auch für uns Kinder ein schönes gesellschaftliches Ereignis.

bi_"...alkohol- und nikotinfrei..."

In meiner Erinnerung hatten wir damals an der Korridorgrenze in der „Grenzmark Posen Westpreußen“, so hieß zuerst nach dem Krieg unser Regierungsbezirk mit Schneidemühl als Bezirksstadt ein Kontinental-Klima mit heißen Sommern und kalten Wintern.
Mitten im langen heißen Sommer gab es dann plötzlich einen drei Tage dauernden Landregen und wenn dann stundenlang der warme Regen auf die Straße platschte, tanzten und spielten wir Kinder in der Badehose auf dem Asphalt. Biertrinken war damals in den östlichen Landesteilen noch kaum bekannt. An heißen Sommertagen zog öfter ein Mann einen Handwagen klingelläutend durch die Straßen und verkaufte aus einem großen Fass literweise erfrischendes "Braunbier mit Spucke“, wie wir Kinder das nannten, ein alkoholfreies selbst gebrautes dunkles Malzgetränk. Mit unserem Hausmädchen Viktoria Polomka machte meine Mutter viel Obst und Fruchtsaft selber ein. Als elf- und zwölfjähriger spielte ich gerne murmeln mit rot, blau und grün gefärbten kleinen Holzkugeln in drei Größen, Einer, Zweier und Zehner. Da es auf unserer Straßenseite keinen Bürgersteig gab, spielten wir auf dem gegenüberliegenden, der in der Mitte mit Steinplatten belegt war. Auf dem Erdstreifen zwischen Platten und Rinnstein waren in fünf Meter Abstand junge Bäume gepflanzt und dazwischen hatten wir unser Murmel-Loch in der Erde. Von einem Strich an den Bäumen mussten die Murmeln mit dem zweiten Glied des Zeige- oder Mittelfingers in das Loch geschubst werden. Leider wurde bei mir in die Haut leicht lädiert und ich konnte oft nur mit einem Pflaster um den Finger spielen.

Bald aber wurde ich mit meinen Freunden von einer Gruppe der Deutschen Freischar gekeilt.
Das war eine deutschlandweite Jungenschaft, die in der Bündischen Jugend organisiert war. Die Bündische Jugend war 1923 nach den Richtlinien der Meißner-Formel neu gegründet worden. Diese war die programmatische Grundlage der deutschen Jugendbewegung vom Treffen auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913: „Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Für deren Durchführung gilt: alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freien Deutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei“. (Meißnertag:der 11./12. Oktober). Heute ist man ohne solche (oft auch Sucht erregende) Genussmittel beinahe nicht mehr salonfähig (Dekadenz?). Bei Kriegsbeginn im August 1914 wurden diese ethisch-demokratischen Bestrebungen für den Einsatz fürs Vaterland (Nation, Volksgemeinschaft) natürlich zurückgestellt. Viele dieser jungen Menschen beteiligten sich aber 1923 an der Gründung der Bündischen Jugend. Gleichzeitig waren damals die Anfänge der „Schwarzen Reichswehr“: .Das Versailler Diktat wurde von vielen Deutschen als ehrenrührige Knebelung empfunden, auch die Begrenzung der Reichswehr auf 100.000 Mann. Also wurden Rekruten nach ihrer dreimonatigen Infanterieausbildung nachhause entlassen, mit Uniform, Gewehr, Helm und sonstiger Ausrüstung, so dass sie jederzeit wieder einsatzbereit einberufen werden konnten. Dann wurden sofort wieder neue Rekruten eingezogen. So stand bald das Vielfache des 100.000 Mann Heeres an ausgebildeten Soldaten zur Verfügung. Ebenso wurden Unteroffiziere und Offiziere in mehrfacher Anzahl ausgebildet. Das „Majorseck“ war ein fester Begriff in der Reserveoffizierslaufbahn. Nach der Hauptmanns-Ausbildung studierte man dann Jura oder andere akademische Berufe. Als Hitler 1935 die Wehrmacht gründete, konnte er diese dank der großen Zahl schon ausgebildeter Soldaten schnell auf kriegsmäßige Stärke bringen, und „befreite“ 1938 sogleich das Sudetenland. In großen Teilen der deutschen Bevölkerung wurde das als legal und gerecht angesehen. Auch andere Maßnahmen in den ersten Jahren seiner Regierungszeit wurden begrüßt. Zum Beispiel die Beschleunigung der mobilen Industrialisierung (Volkswagen und Autobahnen). Auch die Einführung einer einjährigen Arbeitsdienst- und der Wehrpflicht half jungen Menschen, der durch die Rezession in den dreißiger Jahren ständig wachsenden Arbeitslosigkeit (bis zu 7 Millionen, das heißt prozentual noch weit höher als heute) zu entgehen. Natürlich diente das der Vorbereitung der geplanten Kriegsziele. Paradoxerweise hatte gerade die große Arbeitslosigkeit Hitler indirekt zur Macht verholfen.