-Ich arbeitete unterdessen im Büro der Firma Winter und hatte jetzt nur einen kurzen Arbeitsweg.
Unsere „Koffer" wurden fast ausschließlich für die Firma Grundig nach deren Angaben gebaut und geliefert.
Im Frühjahr begann Grundig selber die Kunststoffgehäuse-Produktion , die Firma Winter ging pleite und mein Job flöten.
Ich war schon 51 Jahre alt, und für diesen Jahrgang war es schon nicht mehr ganz einfach, einen neuen Job zu finden.
Aber ich hatte wieder mal Glück im Unglück.
Im Frauenauracher Hochhaus hatten wir die Familie Bennewitz kennen gelernt, die auch dort wohnten. Sie hatten zwei Töchter, die mit unseren Kindern spielten. Die Mutter und Maria waren gute Freundinnen geworden.
Der Vater war Abteilungsleiter bei der Firma Rehau Plastiks in Eltersdorf. Als er hörte, daß ich arbeitslos wurde, vermittelte er mir einen Job als Bürokaufmann im Rehau-Verkaufsbüro in Eltersdorf.
Das lag zwar 10 km statt 500 m von unserem Haus entfernt, aber ich hatte für sieben Jahre wieder eine gute und sichere Arbeitsstelle, und eine gute sportliche Übung morgens mit dem Fahrrad hin und abends zurück, wenn nicht Eis oder Schnee auf der Straße lag.
Unseren VW-Bus hatten wir längst gegen einen VW-Variant getauscht, da uns der Bus in Deutschland doch zu groß und im Betrieb zu teuer war. Maria hatte nun einen deutschen Führerschein und fuhr lieber den Variant als den Bus.-
Die Finanzierung unseres Hauses konnte ich mit einem Bausparvertrag der L.B.S. bewerkstelligen, da wir für die Kinder einen staatlichen Zuschuss bekamen und unser Haus die vorgeschriebene Größe für eine achtköpfige Familie hatte.-
Meine Mutter hatte vom Vater ein Aktien vermögen von circa 300.000 DM geerbt, das aus dem Verkauf des Hauses in Berlin (heute ist es zwanzigmal soviel wert), als meine Eltern 1967 ins Wohnstift Erlangen zogen, stammte. Ich verwaltete es, um es ihr zu erhalten solange sie lebte, damit sie von den Zinsen leben konnte.-
In Bubenreuth nahm Maria nach einem halben Jahr ein Teilzeit-Arbeitsstelle als Nachtschwester zweimal pro Woche in der Krankenstation im Wohnstift Erlangen an. Die 3 km dorthin fuhr sie mit dem Fahrrad.-
Ich war nun Mitarbeiter der Firma Rehau Plastiks, musste aber vorher unterschreiben, dass ich keiner Gewerkschaft angehörte. Der Firmeninhaber, Herr Wagner, zahlte zwar übertarifliche Löhne und Gehälter, wollte aber nichts mit Gewerkschaftsfunktionären zu tun haben.
Wir hatten natürlich auch die branchenüblichen Ansprüche auf Urlaub und Weihnachtsgeld. Meine Bürokollegen beiderlei Geschlechts waren freundlich und hilfsbereit, so dass ich mich schnell einarbeiten konnte.
An heißen Sommertagen über staubige Wege ging es langsam aber stetig durch die endlosen Weiten zwischen Don und Donez. Östlich der Ukraine steppenartiges braunes Flachland, kaum Bäume oder Sträucher, wenig Dörfer und Gehöfte. Ohne größeren Widerstand zog unsere Panzergruppe über den Don in Richtung Kalmücken-
steppe.
Mitte August lag unser Stab in einem kleinen Nest etwa 40 km südlich von Stalingrad. Wir hatten uns von den Bauern ein paar Hühnchen als Zusatzkost gekauft.- Außer einem Spieß (Hauptfeldwebel), ein zackiger Soldat, einige Jahre älter als ich, dem ich bei unseren Kasernen-Aufenthalten einige Extra-Wachen zu verdanken hatte, zum Beispiel beim "Maskenball", wenn man in Ausgeh-Uniform innerhalb von 3 Minuten im Hof antreten musste und dann durchs Treppenhaus zurück in den Schlafsaal, umziehen, und nach weiteren 3 Minuten wieder in Arbeits-Uniform im Hof antreten musste u.s.w., wobei ich oft leider nicht schnell genug war, oder beim Bettenmachen, wenn meine Decken nicht ordnungsgemäß auf Kante lagen und manchen anderen Kasernen-Übungen. Aber besonders viel Liegestütze ließ er mich nicht machen, denn er sah ja, dass ich mir Mühe gab, und mich als Mutter- söhnchen erst an rauhe Kommißsitten gewöhnen musste.- Wir hatten auch einen Koch und eine Gulaschkanone, aber die Landserverpflegung in Russland war ziemlich eintönig und vitaminarm.-Nach dem Hünhnerdessert wurde uns etwas unwohl. Am nächsten Morgen war vielen Kameraden übel, hatten eine gelbliche Hautfarbe und gelb gefärbte Augäpfel, ich einschließlich. Unser Assi und andere Mediziner diagnostizierten eine Gelbsucht Epidemie.
Hepatitis A,B und C waren damals noch unbekannt und man befürchtete dass die Epidemie auf die ganze Armee übergreifen könnte.
Als Sofortmaßnahme wurde eine Gruppe von 30 Mann (mit Geldfärbung), ich inklusive, per LKW und Bahn in die Heimat zurückgeschickt zur Untersuchung im Reservelazarett Sigmaringen. Am nächsten Morgen nahmen wir Abschied vom Stab der Panzergruppe 4 und starteten zu einer dreiwöchigen Reise in die Heimat. Wie krank wir damals waren, weiß ich nicht. Nach drei Tagen der langweiligen Fahrt in Güter- und Bummelzügen mit vielen Zwischenstopps und Umwegen fühlten sich die meisten von uns wieder völlig fit und auch die gelbe Färbung war verschwunden.
Für mich war das wohl wieder ein Glücksfall in meiner Militärlaufbahn, denn es scheint ungewiss, ob ich ansonsten am Kaukasus oder in Stalingrad gelandet wäre. Ende der 1. September-Woche meldeten wir, alles Mannschaftsdienstgrade und Unteroffiziere bis zum Feldwebel, uns im Reserve Lazarett Sigmaringen. Dort wurden wir in herrlich weißen Betten in kleinen Sälen einquartiert und sechs Wochen lang untersucht. Unsere wichtigste Beschäftigung war, fast täglich kleine Blutspenden abzugeben. Es war wie eine Erholungkur in herrlicher Umgebung mitten im Krieg.
Ich war nun Schütze K. war, und hatte allen Befehlen zu gehorchen. Geschadet hat mir diese neue Lehrzeit sicher nicht. Da ich schon den zivilen Führerschein hatte, bekam ich auch bald einen Militärführerschein ausgehändigt. Die Rekruten-Ausbildung als Infanterist absolvierte ich wie alle anderen Kameraden, drei Monate lang mit Karabiner reinigen, Nacht- Märschen, Truppenübungsplatz, Wache schieben,usw. wie schon jahrelang bei der Deutschen Reichswehr üblich. Ich kam allerdings auch zum kleinen-Infanterie-Geschütz-Zug, weil da Fahrer für die kleinen Zugmaschinen gebraucht wurden, erhielt auch eine kurze Artillerie- Ausbildung als Richtschütze. Eine knappe Woche nach Beginn des Russlandfeldzug am 22. Juni wurden wir etwa 70 ausgebildete Infanterie-Rekruten per Bahn Richtung Baltikum geschickt, nicht als fertige Einheit, sondern als Ersatz für bisherige Ausfälle bei der Fronttruppe. Über Posen,Wilna,Dünaburg,Pleskau ging die Reise.In Strugij Krasnije landeten wir im Hauptquartier der Panzergruppe 4 Höpner. Dort wurden wir von einem älteren Assistenzarzt untersucht und warteten auf weitere Marschbefehle zu den einzelnen Infanterie Divisionen.
Da kam nochmal der Melder und rief meinen Namen: ich sollte nochmal zum Assistenzarzt kommen.
Er fragte: Sie heißen Koschmieder?.
Ja.
Hat Ihr Vater das Sägewerk in Neu Bentschen?
Ja.
Ich brauche einen Fahrer, bleiben Sie hier.
Das war wohl der größte Glücksfall meiner Militärkarriere. Dr.Dittmann , fast 20 Jahre älter als ich, hatte eine Praxis in dem kleinen Städtchen Brätz, etwa 25 km von Neu Bentschen entfernt. Er hatte mal von dem Sägewerk meines Vaters gehört und war auch erst kurz vor dem Russlandfeldzug zum Wehrdienst eingezogen worden. Seinen Dienst Pkw, einen alten braunlackierten Peugeot musste er selber fahren und hatte um einen eigenen Fahrer gebeten. Da ich einen Führerschein hatte und aus die Gegend seines Heimatortes stammte, bekam ich den Job. So war ich nun fast 13 Monate lang Arztfahrer beim Stab der Panzergruppe 4 Höpner (später Hooth).
Während dieser Zeit wurde mein Chef zum Oberarzt und ich zum Oberschützen befördert.
Da der Vormarsch auf Leningrad, den der Stab, der zwar zur Fronttruppe gehörte, aber 10 bis 15 km hinter der HKL(Hauptkampflinie) lag, organisieren und überwachen musste, an der Luga wegen starker Gegenwehr zum Stillstand kam, blieben wir noch einige Zeit in Strugij Krasnije.
Für mich waren es ganz unerwartet noch schöne und beinahe friedliche Sommertage, da ich ja nicht viel fahren brauchte.
Mein Chef war meist mit den Offizieren zusammen und er hatte sich auch mit einer russischen Lehrerin befreundet. Ich vertrieb mir die Zeit mit Wagenwaschen, am Peugeot rumbasteln und den anderen einfachen Dienstgraden unterhalten, die in der Stabskompanie organisiert waren. Abends vor Sonnenuntergang spielte irgendwo in der bewaldeten Umgebung-wahrscheinlich auch ein deutscher Landser-über eine Stunde lang wunderbare Trompetensolos, alte Volkslieder und andere klassische Melodien, wobei ich immer andächtig zuhörte." Gute Nacht, Mutter......"
Mitte August ging dann der Vormarsch auf Leningrad weiter und unser Stabsquartier wurde nach Luga verlegt. Als dann aber Anfang September feststand, dass Leningrad nicht mehr eingenommen sondern nur belagert werden konnte wurde unsere Panzergruppe herausgezogen, da sie nur für Angriffs- Operationen beziehungsweise einen Vormarsch geeignet war. Im September wurden wir dann in Smolensk für den Vormarsch auf Moskau eingesetzt. Über Wjasma und Moshaisk nach Nordosten ging es infolge langer Regen-und Matsch Perioden nur langsam voran. Um den 10. Dezember lag unser Stabs-Quartier etwa 35 km westlich von Moskau. Unsere Panzer 3 - Verbände meldeten per Funk Umzingelungs-Angriffe nördlich von Moskau, doch dann setzte starker Frost ein und am 15. Dezember wurden über minus 40 Grad Celsius gemessen. Für solche Kältegrade waren die deutschen Panzer- und Fahrzeugmotoren nicht eingerichtet und kamen zum Stillstand. Der Vormarsch war zu Ende und die deutschen Einheiten versuchten westlich von Moskau eine Verteidigungslinie zu bilden. Inzwischen hatte Stalin auch seine sibirischen Divisionen zum Entsatz von Moskau herangeholt, die für solche Kältegrade bestens ausgerüstet waren. So mussten die deutschen Truppen immer weiter zurückweichen. Da Hitler nach dem Pearl-Harbor-Angriff der Japaner den U.S.A. den Krieg erklärt hatte, und Roosevelt sich wider seinen Willen gezwungen sah, die Kriegsnmaschinen-Produktion der größten Industrie-Macht der Welt in Gang zu setzen, war damals der Krieg für Deutschland schon verloren. Unser Stab machte den Winterrückzug in kurzen Etappen mit. Anfang März 1942 waren wir in einem kleinen Dorf in der Nähe der von Witebsk. Die Sonnenstrahlen wärmten uns wieder und wir waren froh, den kalten Winter überlebt zu haben. Da die neuen Frontlinien sich konsolidiert hatten , wurde unser Stab herausgezogen und wir lagen vorübergehend in Lemberg in Bereitstellung. Die Offiziere wurden zum Teil ausgewechselt und die Stabskompanie war in einem alten österreich-ungarischen Kasernengebäude einquartiert. Eine Zeit lang hatten wir in unserer Kompanie zwei Hiwis(= Hilfswillige: junge Ukrainer, die sich freiwillig gemeldet hatten)-beim Einmarsch der deutschen Truppen in Russland begrüßten viele Einwohner uns als Befreier vom Stalin-Joch. Diese freundschaftliche Einstellung änderte sich aber, als Hitler durch eine Sonderverwaltung in den eroberten Gebieten große Nahrungsmittelmengen für Deutschland requirieren ließ. Die Beamten dieser Verwaltung waren Wehrmacht-Offizieren gleichgestellt und trugen auch ähnliche Uniformen. Sie hatten auch dieselben Dienstgrade, nur die Schulterstücke waren kleiner, weshalb wir sie „Schmalspurindianer“ nannten.
In der Freizeit ging ich öfter mit einigen Kameraden in den Straßen der Stadt spazieren, aber schon aus sprachlichen Gründen hatten wir keinen Kontakt mit den wenigen Leuten, meist Frauen und Kindern und alten Männern, denen wir dort begegneten. Einmal schlug einer von uns vor, ein Puff zu besuchen, aber keiner hatte Lust dazu. Das beste dieser Kasernenzeit war, dass wir noch einmal Heimat-Urlaub bekamen. So konnte ich Anfang Mai für 10 Tage zum letzten Mal zuhause sein. Im Juni wurden wir in die Nähe von Kursk verlegt. Von dort leitete die Panzergruppe 4 Hooth den neuen Vormarsch zu den Ölquellen von Baku ab dem 22. Juni 1942.