Unser jüngster Sohn Christian besuchte die Hauptschule in Igelsdorf und stand 1984 vor dem Hauptschulabschluss.
Er wollte aber auf keinen Fall weiter eine Schule besuchen, sondern einen Beruf im Holzfach erlernen.
Glücklicherweise fand er eine Lehrstelle in der Bubenreuther Schreinerei Protze.
So konnte er weiter zuhause wohnen und machte nach drei Jahren seine Gesellenprüfung.-
Von Januar bis Dezember 1987 absolvierte er seinen Bundes dienst bei der Flak in Regensburg.(Erst später erfuhr er, dass er als dritter Sohn einer Familie sich vom Wehrdienst hätte befreien lassen können, da seine beiden älteren Brüder schon vorher ihren Wehrdienst absolviert hatten.)
Danach arbeitete er in Tischlereien in Bamberg und Coburg und war das erste unserer Kinder, das einen guten eigenen Monats-Lohn verdiente.---
Im März 86 machte ich zur Muskelschwund-Therapie stationär eine dreiwöchige Infusionskur in der Heilanstalt des Diakonischen Werks Rummelsberg 2 in Schwarzenbruck, wozu mir einige Ärzte geraten hatten, leider ohne Erfolg.---
Über Dallas, Shreveport und Baton Rouge in Louisiana fuhren wir nach New Orleans, wo wir uns drei Tagelang die Altstadt, damals noch weitgehend original und nicht hochwassergeschädigt, und andere Sehenswürdigkeiten anschauten.
Dort schliefen wir auch diesmal wieder in einer uralten Herberge aus der Pferdewagenzeit.
Ansonsten schlief ich unterwegs auf einem ruhigen Parkplatz meist im Auto und die beiden Jungens daneben in ihren Schlafsäcken, da es noch ziemlich warm war.
Weiter fuhren wir an der Golfküste entlang durch den Südzipfel von Mississippi , durch Mobile/Alabama und den West Zipfel von Florida nach Albany/Georgia, wo wir Marias Vetter Volkmar und seine Familie besuchten.
Wir wurden wieder sehr freundlich in ihrem schönen Haus und großem Grundstück mit vielen Bäumen, darunter auch Palmen, aufgenommen und bewirtet.
Die beiden Söhne waren etwa gleichalterig mit Stephen und Michael und konnten sich trotz einiger Sprachschwierigkeiten gut unterhalten.
Nach zwei erholsamen Tagen ging unsere Reise weiter Richtung Nordosten nach Savannah an der Atlantikküste, dann nordwärts durch South und North Carolina.
Es war noch ziemlich heiß und als die Jungens eines Nachts nicht schlafen konnten, nahm sie ein Trucker mit zur nächsten Tankstelle, wo sie sich eine kalte Limo kaufen konnten.
Ein andermal weckte uns nachts eine Polizeistreife und machte uns darauf aufmerksam, dass in der Gegend manchmal nächtliche Überfälle stattfanden.
Wir landeten aber gut in Richmond/Virginia und hatten dann noch einige Tage Zeit, uns die Hauptstadt mit Umgebung anzuschauen.
Zuerst besuchten wir den großen Helden-Friedhof in Arlington und wanderten dort fast einen ganzen Tag lang herum.-
Wie wir zufällig einmal erfuhren, sind auch unsere drei Söhne als wehrfähige US Bürger registriert, falls in USA im Notfall einmal die Wehrpflicht ausgerufen werden sollte. Nachdem nun alle drei über 40 Jahre alt sind, werden sie wohl keinen Einberufungsbefehl mehr befürchten müssen.-
Auch aller anderen Sehenswürdigkeiten in Washington D.C. besichtigten wir und fuhren dann weiter nach New Jersey.
Für 100 $ verkauften wir dort unseren Pontiac und ein bekannter fuhr uns in seinem Auto zum Kennedy Airport, wo am nächsten Morgen unser Flug nach Deutschland startete, den wir schon lange gebucht hatten.-
Wir waren 4 Wochen unterwegs, auf meinem Konto war aber nur für zwei Wochen Arbeitslosengeld eingegangen. Mir wurde gesagt, ich hätte mich nach zwei Wochen beim Arbeitsamt wieder melden müssen, da mir als Arbeitsloser nur zwei Wochen Urlaub zustehen.
Auf meine Beschwerde hin, dass mir das vorher niemand gesagt hatte, bekam ich später die Nachzahlung.-
-Ich arbeitete unterdessen im Büro der Firma Winter und hatte jetzt nur einen kurzen Arbeitsweg.
Unsere „Koffer" wurden fast ausschließlich für die Firma Grundig nach deren Angaben gebaut und geliefert.
Im Frühjahr begann Grundig selber die Kunststoffgehäuse-Produktion , die Firma Winter ging pleite und mein Job flöten.
Ich war schon 51 Jahre alt, und für diesen Jahrgang war es schon nicht mehr ganz einfach, einen neuen Job zu finden.
Aber ich hatte wieder mal Glück im Unglück.
Im Frauenauracher Hochhaus hatten wir die Familie Bennewitz kennen gelernt, die auch dort wohnten. Sie hatten zwei Töchter, die mit unseren Kindern spielten. Die Mutter und Maria waren gute Freundinnen geworden.
Der Vater war Abteilungsleiter bei der Firma Rehau Plastiks in Eltersdorf. Als er hörte, daß ich arbeitslos wurde, vermittelte er mir einen Job als Bürokaufmann im Rehau-Verkaufsbüro in Eltersdorf.
Das lag zwar 10 km statt 500 m von unserem Haus entfernt, aber ich hatte für sieben Jahre wieder eine gute und sichere Arbeitsstelle, und eine gute sportliche Übung morgens mit dem Fahrrad hin und abends zurück, wenn nicht Eis oder Schnee auf der Straße lag.
Unseren VW-Bus hatten wir längst gegen einen VW-Variant getauscht, da uns der Bus in Deutschland doch zu groß und im Betrieb zu teuer war. Maria hatte nun einen deutschen Führerschein und fuhr lieber den Variant als den Bus.-
Die Finanzierung unseres Hauses konnte ich mit einem Bausparvertrag der L.B.S. bewerkstelligen, da wir für die Kinder einen staatlichen Zuschuss bekamen und unser Haus die vorgeschriebene Größe für eine achtköpfige Familie hatte.-
Meine Mutter hatte vom Vater ein Aktien vermögen von circa 300.000 DM geerbt, das aus dem Verkauf des Hauses in Berlin (heute ist es zwanzigmal soviel wert), als meine Eltern 1967 ins Wohnstift Erlangen zogen, stammte. Ich verwaltete es, um es ihr zu erhalten solange sie lebte, damit sie von den Zinsen leben konnte.-
In Bubenreuth nahm Maria nach einem halben Jahr ein Teilzeit-Arbeitsstelle als Nachtschwester zweimal pro Woche in der Krankenstation im Wohnstift Erlangen an. Die 3 km dorthin fuhr sie mit dem Fahrrad.-
Ich war nun Mitarbeiter der Firma Rehau Plastiks, musste aber vorher unterschreiben, dass ich keiner Gewerkschaft angehörte. Der Firmeninhaber, Herr Wagner, zahlte zwar übertarifliche Löhne und Gehälter, wollte aber nichts mit Gewerkschaftsfunktionären zu tun haben.
Wir hatten natürlich auch die branchenüblichen Ansprüche auf Urlaub und Weihnachtsgeld. Meine Bürokollegen beiderlei Geschlechts waren freundlich und hilfsbereit, so dass ich mich schnell einarbeiten konnte.
Nach einem halben Jahr zogen wir in eine Hochparterre-Wohnung in dem neuen Wohnhochhaus um.
Bald danach fand ich einen neuen Job bei der Firma Winter in Bubenreuth.
Ich arbeitete dort auch im Büro, aber bei der Produktions- und Verkaufsplanung in einem großen dreistöckigen Gebäude. Es war eine Koffer Fabrik, aber nicht für Reisekoffer, sondern für Kunststoffgehäuse für Radio- und Fernsehapparate, die im Fachjargon Koffer hießen.
Nun planten wir auch ein neues eigenes Haus für die Familie natürlich in Bubenreuth. Wir sahen uns nach einem Grundstück um, aber erhielten dann ein Angebot der Fertighaus-Firma Heinlein in Baiersdorf. Sie hatten am nördlichen Ortsende von Bubenreuth, nicht weit von dem Winter Gebäude, ein großes Feldstück gekauft, auf dem sie in zwei Reihen 20 ihrer Fertighäuser in verschiedenen Größen bauen wollten.
Wir wurden und bald handelseinig und bekamen das erste Haus an der kleinen Landstraße zum nächsten Dorf Igelsdorf. Es war das Eckhaus an der im rechten Winkel abgehenden Bussard Straße, die damals nur einfacher Feldweg war.
Am 17. 11.71 wurde unsre dritte Tochter Susanne Dorothea auf der Entbindungsstation der Universitätsklinik Erlangen geboren.
Im November wurde auch die Baugrube für unser neues Haus ausgehoben und eine Maurermannschaft baute das. Laut genehmigter Bauplanung sollte der Fußboden der Wohnung nur 50 cm über der künftigen Straßenoberfläche liegen. Daher bat ich, den Keller 50 cm höher zu bauen. Leider lehnte die Firma Heinlein das ab wegen der Gefahr einer Geldstrafe.-
Unser neuer Nachbar schräg gegenüber, ein Ortsansässiger, der anderthalb Jahre später sein ähnliches Haus einen halben Meter höher als genehmigt baute, zahlte dann 300 DM Strafe.
Eh wurscht sagen die Franken.-
Am 21. Januar 1972 zogen wir mit Sack und Pack und sechs Kindern im Alter von zwei Monaten bis 11 Jahren in unser neues Haus ein.
Der Keller war noch vor Weihnachten fertig geworden und die Wände des Hauses innerhalb von zwei Tagen mit einem großen Kran zusammengesetzt.
Da kein Frost herrschte wurde auch das Dach und die Inneneinrichtung rechtzeitig fertig.
Ring 's ums Haus aufgeweichter Lehmboden, zum Vergnügen der Kinder, nicht so der Eltern. Hinter der Eingangstür hatten wir alte Jutesäcke liegen, auf denen wenigstens die lehmigen Schuhe ausgezogen werden konnten.
Anfang Februar kam dann Frost und Schnee und unsere Öl-Heizung funktionierte einigermaßen.-
Dort lebten wir noch zwei Jahre in unserem Haus auf dem Kliff mit Meeresblick, freuten uns über das Leben in der Neuen Welt, sozusagen auf Abruf, aber auch auf die Rückkehr in die alte Heimat, obwohl wir noch nicht wussten, wie das Leben dort weitergehen würde.
Auf einen genauen Zeitpunkt für den Rückflug hatten wir uns aber noch nicht festgelegt.-
Ostern 1969 fuhren meine Eltern für eine Woche mit einer Touristen Reisegesellschaft per Bus nach Rom.
Am 27. April wurde mein Vater 83 Jahre alt.
Drei Wochen später wurde er wegen starker Alters- Beschwerden in die Universitätsklinik eingewiesen.
Am 25. Mai früh traf meine Schwester Ilse mit dem Flugzeug in Nürnberg ein und wollte noch am Vormittag zusammen mit meiner Mutter unseren Vater im Krankenhaus besuchen.
Aber es war schon zu spät.
Er war am frühen Morgen gestorben.--
Daraufhin buchten wir unseren baldmöglichsten Rückflug nach Deutschland für Ende August.-
Barbara und Annette gingen schon in die Volksschule, wo sie eifrig Englisch lernten.
Unsere Nachbarsfrau, Marias gute Freundin, kündigte ihr die Freundschaft, weil sie es als Verrat empfand, erst nach Amerika zu kommen, um das gute Leben hier zu genießen, und dann die USA mit allen Kindern schnöde wieder zu verlassen.
Mein Freund Mike Page mit seiner Familie und viele andere fanden unseren Entschluss in Ordnung, da sie auch wussten, dass wir hofften, in unsere alte Heimat zurückkehren zu können.-
Im Werk konnte ich ein paar der großen Sperrholzplatten, die wir für den Hausbau produzierten, zum Vorzugspreis bekommen, und zimmerte daraus eine Versandkiste.
Das moderne kleine Klavier, das ich als Hochzeitsgeschenk für Maria gekauft hatte, kam hinein und einige andere Kleinmöbel und sonstige Dinge, die wir nach Deutschland mitnehmen wollten und nicht im Fluggepäck unterbringen konnten. Diese Kiste gaben wir als Seefracht bei der Hafen-Spedition auf.
Den Flug buchten wir diesmal von Portland nach Luxemburg und bestellten und dorthin zum Flughafen einen neuen weißen VW-Bus.
Wir fuhren mit unserem alten Bus direkt zum Airport in Portland, wo Ilse uns erwartete, unseren Bus übernahm und verkaufte.
Mike kümmerte sich um den Verkauf meines Coop shares und auch unseres Hauses, das er zunächst aber vermietete. Etwa zwei Jahre später ließ er es durch einen Makler verkaufen. Für beides habe ich ungefähr die gleiche Summe erhalten, die ich 1960 bezahlt hatte. Heute ist das Haus mit Grundstück über zehnmal soviel Wert.--
Der Rückflug verlief planmäßig und von Luxemburg fuhren wir mit dem neuen Bus direkt nach Kücknitz zu Marias Eltern.
Dort blieb die Familie zum Eingewöhnen in die deutsche Umwelt und zum Badeurlaub und ich fuhr mit dem Bus nach Erlangen um eine Wohnung für uns und einen Job für mich zu suchen.
Ursprünglich wollten wir uns zunächst in Göttingen niederlassen, etwa auf der Hälfte der Strecke zwischen Kücknitz und Erlangen, also den beiden Großeltern. Da meine Mutter nun aber alleine im Wohnstift Erlangen lebte, zogen wir in Ihre Nähe.
Bald fand ich eine kleine Wohnung in einem älteren einstöckigen Haus mit Garten in Frauenaurach, einem Vorort von Erlangen, dicht neben einem im Bau befindlichen Wohnhochhaus.
Die Wirtschaftswunderjahre gingen zu Ende, aber es fanden sich noch genug Jobangebote für einen 48 jährigen Alles-bzw. Nichtskönner.
So fuhr ich erst nochmal für eine Woche Ferien nach Kücknitz.
Rechtzeitig zum Schulbeginn trafen wir in Erlangen ein. Die beiden Mädels und auch Stephen gingen nun zur Grundschule in Frauenaurach.
Ich wählte einen Bürojob bei einem Bauunternehmen in Alt Erlangen, wo ich nur einen kurzen Weg mit dem Fahrrad zur Arbeit hatte.. Dort musste ich aber meist Telefondienst machen, was wir nicht so lag.
- Etwa im Jahre 1966 dachten wir ernsthaft über unsere Rückkehr nach Deutschland nach.
Maria und ich hatten nicht die amerikanische Staats-
angehörigkeit beantragt, da wir hofften, eines Tages in unsere alte Heimat in Ostdeutschland zurückkehren zu können.
Nun hatte Maria aber immer mehr Heimweh, vor allem fehlte ihr die zahlreiche Verwandtschaft, Vetter und Kusinen in ihrem Alter, und halt die deutsche Gesellschaft.
Unsere Kinder spielten schon im Alter von 2 ½ bis 3 Jahren auf der Straße mit anderen Kindern und lernten schnell englisch. Wenn wir zuhause mit ihnen deutsch sprachen, antworteten sie auf Englisch und konnten kaum noch deutsch reden. Daher wollte auch ich nun möglichst bald mit ihnen nach Deutschland zurück, damit sie dort deutsche Schulen besuchen könnten, was an unserem Wohnort Brookings unmöglich gewesen wäre.-
Mein Vater war inzwischen 80 Jahre alt und wollte mir helfen, in Deutschland eine gute Arbeits-Position zu finden. Er inserierte in Fachzeitschriften nach kleinen Holzbetrieben, die demnächst zum Verkauf stünden, und hoffte, mir bei der Übernahme mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können.-
Anfang 1967 buchten wir einen Flug für Mitte April mit der ganzen Familie von Newark/New Jersey bei der belgischen Fluglinie Sabena nach Luxemburg, und von dort die Eisenbahnfahrkarte nach Lübeck zum Haus von Marias Eltern in Kücknitz, unser Ferien-Quartier für drei Monate. Ich nahm solange Urlaub bei der Brookings Coop.
Im Frühjahr 1967 wurde Christian Martin in Gold Beach geboren. Zwei Wochen später fuhr er mit in unserem weißen VW-Bus quer durch die Staaten nach New Jersey. Dort konnten wir unser Auto bei einem guten Freund bis zu unserer Rückkehr stehen lassen.
Die weitere Reise zu den Großeltern klappte wie vorgesehen ohne größere Zwischenfälle.
Maria blieb mit den Kindern in dem Eigenheim ihrer Eltern mit gro0em Garten und bei schönem Wetter machten sie häufig Badefahrten zu dem großen Strand in Travemünde.
Schon nach zwei Wochen kamen meine Eltern uns kurz besuchen. Mein Vater hatte in Berlin eine gelbe DKW Meisterklasse gemietet. Fast das gleiche Auto hatte er in Neu Bentschen schon mal besessen.
Zwei Tage später fuhren wir beide damit nach Münster in Westfalen.
Dort war ein kleiner Holzbetrieb am Ufer des Dortmund-Ems-Kanals mit einem Gatter, Band-und Kreissägen sowie Hobel-Maschinen zu verkaufen. Wir schauten uns alles Inventar und auch die Bücher genau an. Auf der Rückreise nach Kücknitz besprachen wir auch die Finanzierung und mein Vater meinte, ich könnte mit seiner Hilfe die Übernahme ohne allzu große Verschuldung meistern.
Ich war zwar erst 46 Jahre alt, aber einerseits fehlte mir unternehmerische Erfahrung und andererseits widerstrebte es mir, mich bei einem Neuanfang in eine doch kleine Betriebsgröße im Vergleich zu dem großen Holz- unternehmen, bei dem ich gelernt hatte, und auch zu dem Werk meines Vaters in Neu Bentschen, einzwängen zu müssen.
Ich versuchte, das meinem Vater klarzumachen, aber er war wohl doch etwas enttäuscht, dass ich bei meiner Rückkehr nach Deutschland, die ja auch erst über zwei Jahre später stattfand, mir lieber auf Gutglück eine neue Arbeitsstelle suchen wollte, obwohl mir klar war, dass ich nicht mehr in ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten komme, wie zwölfeinhalb Jahre vorher, mir aber meine Familie wichtiger war als später beruflicher Erfolg oder DM-Guthaben.
So verbrachte ich noch einige geruhsame Wochen mit Maria, ihren Eltern und Geschwistern und den Kindern in Kücknitz und am Strand in Travemünde und wir besuchten auch oft das schöne Lübeck mit seinen alten Kirchen und den Bauten aus der Hanse Zeit.
Mitte Juli ging es zurück mit der Bahn nach Luxemburg und weiter mit dem Flieger über den Atlantik nach Newark.
Dort fanden wir unser Auto wohlbehalten vor, bedankten uns bei meinem Freund und fuhren wieder quer durch den Kontinent zum Pazifik.
Maria war im siebenten Monat schwanger, aber alles klappte ohne besondere Vorkommnisse.
Da wir viele Möbel von unserm Vorgänger übernehmen konnten, waren wir bald gut eingerichtet.
Ein Babybett hatte ich schon in Longview gebastelt.
Maria fand bald einen guten Arzt, der sie auch während der Geburt betreute.
Am 25. November 1960 wurde unsere erste Tochter Barbara im Krankenhaus in Crescent City in Kalifornien geboren, da es in Brookings keins gab.
Die Calilornian Line, die Grenze zwischen Oregon und Kalifornien, die etwa 20 km südlich von Brookings und 10 km nördlich von Crescent City, mussten die Autos durch einen Kontrollpukt passieren, da die dortige Staatsregierung fürchtete, dass Schädlinge in ihre Obst-, Wein- und Gemüseplantagen eingeführt werden könnten. Die Stadt, mit einem größeren Fischerei- und Yacht-Hafen ist auf einer flachen Halbzunge am Meer gelegen.
Als Maria Wehen bekam, fuhr ich sie mit dem Auto ins Krankenhaus, musste dann aber zurück zur Arbeit.
Wir arbeiteten damals 10 Stunden am Tag in zwei Schichten, sechs Tage pro Woche, wegen der guten Konjunktur.
Die Sperrungsholzplatten wurden in der Einheitsgröße von 4x 8 Fuß (etwa 1,20x2,40 Meter) gefertigt. Die frisch geschälten Furnier- Platten wurden dann per Hand in die riesigen langen Trockenöfen eingefüttert.
Diesen Job habe ich etwa ein Jahr lang gemacht.
Dann arbeitete ich längere Zeit am anderen Ende des Öfens, wo man die getrockneten Furniere je nach Güteklasse beurteilen und markieren und auf die verschiedenen Loren ziehen musste.
Dort war ich zwei Jahre lang mit Mike Page zusammen, mit dem ich mich gut befreundete.
In der Zeit hatte ich mal einen kleinen Unfall, als ich rücklings auf eine Lore stürzte, und wegen einer Genickprellung für einige Tage ins Krankenhaus musste. Damals hat mich Maria im Werk eine Woche lang vertreten. Da sie aber das Furniere sortieren nicht so schnell lernen konnte, tauschte sie mit einem Kollegen und fütterte die Furniere in den Ofen ein.
Inzwischen war Maria schwanger gewesen und wir hatten am 23. November 1961 im Krankenhaus Crescent City unsere Tochter Annette bekommen.
Am 29. Dezember 1962 wurde unser erster Sohn Stephen ebenfalls in Crescent City geboren.
Unsere drei ältesten Kinder sind also Kalifornier.-
---Nun suchten und fanden wir auch bald ein kleines älteres Einfamilienhaus, das Maria gefiel und wir vorläufig mieteten.
Ich gewöhnte mich schnell an das Eheleben, wenn auch manches anders war, als ich mir das vorher ausgemalt hatte.
Wir fuhren viel mit dem Auto spazieren und besuchten alle meine Freunde, um ihnen Maria vorzustellen.
Meine Arbeit war interessant und ich verdiente gut.
Im Frühsommer wurde mir mitgeteilt, dass die gelue-lam-beam-Fertigung in ein anderes Werk in Mittel-Oregon verlegt werden würde, und wir dahin umziehen müssten.
Der neue Standort gefiel uns nicht, und so sah ich mich nach einem anderen Job um.
--Die U.S.-Regierung hatte im New Deal versucht, Anreize für selbstständige Unternehmer zu schaffen,
auch in Genossenschaften bei größeren Unternehmen (Arbeiter-Kooperativen).
Nach dem Krieg wurde durch steuerliche Begünstigungen dieser Versuch wieder aufgenommen.
In Oregon und Washington State waren etwa 50 Sperrholzwerk-Kooperativen entstanden.
Alle der meist 200 bis 500 Arbeiter waren zu gleichen Teilen gleichberechtigte Inhaber (Aktionäre=share holder) mit dem Recht auf einen Arbeitsplatz.
Die Aktien konnten am freien Markt gehandelt werden und hatten natürlich sehr unterschiedliche Kurse.
Wir kauften eine Aktie der Brookings Plywood Corporation mit 300 Shareholdern.
Den Ort an der Mündung des Chetco Rivers mit kleinem Fischerhafen kannten wir ja schon.
Der Verkäufer hatte nach seiner Soldatenzeit mehrere Jahre bei der Brook Ply gearbeitet und auf einem Grundstück direkt an der Steilküste für seine Familie ein schönes Wohnhaus gebaut.
Dafür hatte er von der Veterans Administration ein Darlehen erhalten, das wir zugleich mit der Aktie, auch die Rückzahlung, übernahmen.-
Jedes Jahr fand eine Vollversammlung der 300 Aktionäre statt, bei der der Aufsichtsrat gewählt wurde.
Manager und Büromitarbeiter waren Angestellte und wurden vom Aufsichtsrat beziehungsweise seinem Vorstand angeheuert. Alle share holder erhielten gleichen Stundenlohn, der jeweils vom Manager und Aufsichtsrat festgelegt wurde.
Am Werks Eingang hing eine große Schiefertafel.
Darauf waren die verschiedenen Arbeitsplätze im Werk vermerkt die frei wurden.
Jeder Neuanfänger musste zunächst als Handlanger arbeiten.
Später konnte er an Angebot auf die freiwerdenden Arbeitsplätze abgeben.
Den Job erhielt derjenige mit der höchsten Seniorität. Während ein shareholder krank und arbeitsunfähig war, konnte seine Frau bei gleichem Lohn ihn an seinem Arbeitsplatz vertreten.-
Leider gab es oft Streit bei den Versammlungen und vor allem im Aufsichtsrat. Auch scheuen viele Arbeiter das Unternehmerrisiko, das sich ja im Aktienkurs niederschlägt. Heute gibt es kaum noch Genossenschaftswerke, so weit mir bekannt ist.
--Unser neues Haus hatte durch Panoramafenster im großen Wohnzimmer eine herrliche Aussicht auf den Pazifik.
Davor war eine etwa 35 m breite leicht abfallende Grasfläche, hinter der die Steil- Küste circa 35 m in eine kleine Bucht fast senkrecht abfiel, die hohe Felsennase an der Nordseite gehörte auch zu unserem Grundstück.
Im August 59 packten wir unseren Käfer nebst gemietetem Anhänger voll und zogen nach Brookings um.
Auch unsere Förster im Headquarters Camp hatten einen Helikopter zur Verfügung und ich durfte öfter mal mitfliegen über die firmeneigenen Waldgebiete, was für mich die liebste Beschäftigung war.
Im Sommer 1958 bekam ich einen Job im großen Werk in Longview als Controler in der „glue-lam-beam“-Fertigung angeboten, wo ich mehr Verantwortung hatte und auch ein besseres Gehalt.
Jeden Tag von Castle Rock, dem Ort in der Nähe von Headquarters Camp, zudem auch Holzes Hühnerfarm gehörte, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, war mir aber zu weit.
So mietete ich mir eine Cabin in der Nähe des Werkes. Cabins sind kleine Ein-Apartment-Häuschen, in langen Reihen dicht zusammengebaut, natürlich aus Holz wie fast alle Wohnhäuser in U. S. A.
Ganz in der Nähe war ein kleiner See, zu dem ich oft schwimmen ging.
An Wochenenden war ich häufig bei meinen Freunden eingeladen.
Ilse wohnte damals im Haus von Frau Heise in Portland, einer Sudetendeutschen, die mit Mann und Kindern schon lange in USA lebte. Auch dort war ich oft zu Besuch.
In den Sommern 1958/59 fuhr ich mehrmals zu Oliphant`s, einem schottischen Ehepaar, etwa 15 Jahre älter als ich. Sie wohnten in einem luxuriösen Bungalow mit großem Garten am Scenic Boulevard mit herrlicher Aussicht auf das weite Farmland westlich von Portland.
Ich kam immer zum Rasenmähen, schlief im Gästezimmer und wurde großzügig bewirtet.
Wir unterhielten uns viel auf Englisch.
Er war wohlhabender Banker, und sie lebten in vornehmem Stil.--
Jede Woche ging ich zum Square Dancing, was mir viel Spaß machte.
So lebte ich anderthalb Jahre lang alleine in meiner Cabin.
Im März 1953 wurde der Refugee Relief Act
(Flüchtlings Hilfs Gesetz) in den U.S. Kongress eingebracht, mit dem eine halbe Million Heimatvertriebene aus den deutschen, von Polen annektierten, Ostgebieten ohne Bürgen und ohne Quoten in die U. S. A. einwandern könnten, terminiert bis zum 31. März 1957.
Es dauerte aber bis Oktober 1956 ehe der R.R.A. (parlamentsüblich) Gesetz wurde.
In Westdeutschland, wo wir Heimatvertriebenen einen speziellen grünen Ausweis (ähnlich dem Personalausweis) besaßen, hatten sich 500.000 meist junge Menschen gemeldet und waren nach Befragung durch ein U.S. Konsulat akzeptiert worden, darunter auch meine Schwester Ilse und ich.
Also konnte man die Überfahrt nach U. S. A. erst im Oktober organisieren.
Da es damals noch keine Jets gab, die im Shuttle-Flug diese Transportleistung innerhalb von fünf Monaten leisten konnten, hat man einen längst eingemotteten Truppen- Transporter aus dem Krieg wieder eingesetzt.
Meine Schwester ist im Januar 1957 mit dem Schiff 10 Tagelang von Bremen nach New York unterwegs gewesen, meist bei hohem Seegang mit vielen Familien und kleinen Kindern in Hängematten unter Deck, viele see-
krank.
Ich hatte mehr Glück und flog Anfang Februar mit einem Turbo-Jet von Hamburg mit Zwischenlandung in Island und Neufunfland nach New York, schneller und bequemer als Ilse.
-Später behauptete ich jemand, bis zum 31. März 1957 seien nur gut 350.000 Einwanderer unter dem R.R.A. in die USA gelangt.-
Die U. S. Behörden hatten auch keine Organisation, um so vielen Leuten schnell Wohnung und Arbeit zu besorgen.
So wurden wir zu Kirchengemeinden in Gegenden gesandt, in denen man uns beruflich schnell vermitteln konnte.
Ilse kam nach Denver und ich, als gelernter „ Holzwurm“, nach Longview im Staat Washington an der nordwestlichen Küste.
In den Wäldern des Kaskadengebirges ist dort eines der wichtigsten Holzindustriegebiete der USA.
Der Vorsteher der dortigen lutherischen (evangelischen) Kirchengemeinde war zugleich Personalchef des großen Holzwerkes der Firma Weyerhäuser, einer der drei größten Holz-Firmen der U. S. A..Wally Pettersen und seine Frau waren schwedischer Herkunft, und nahmen mich in ihrem großen Einfamilienhaus in der Nähe des Werkes auf wie einen guten Freund.
Ich durfte im Zimmer des ältesten Sohnes, der im Osten studierte, schlafen und wurde in den ersten Tagen auch bei ihnen verköstigt.
Wally half mir bei allen nötigen Anmeldungen und besorgte mir einen Job als Zeichner im Forstamt der Firma, das im Headquarters Camp mitten im bergigen Waldgebiet in der Nähe des Mount St.Helens lag, etwa 25 km von Longview entfernt.
Dort schlief ich im Waldarbeiterschlafsaal und aß in der Kantine.
Im Forstamtbüro auf dem Camp hatte ich ein Zimmer mit einem großen Zeichentisch.
Mit dem Förstern und dem Oberförster verstand ich mich gut, einige von ihnen waren deutscher Herkunft und einer sprach sogar noch ein wenig Deutsch.
Sie wohnten alle in schönen Einfamilienhäusern in Longview und Kelso, und fuhren jeden Tag mit ihren Geländewagen ins Camp.
Die Arbeit machte mir Spaß, da ich gerne zeichne und auch oft mit den Förstern in den Wald fuhr, um Baum-Flächen in den Square Miles zu vermessen.
Am Wochenende war ich wieder bei Pettersens eingeladen, und Wally verkaufte mir das alte braune Chevy Coupe seines Sohnes für 100 $.
Mein erstes eigenes Auto und ich war motorisiert.