Am nächsten Morgen, Sonntag, den 31.8., verabschiedete ich mich nach dem Frühstück und fuhr über Trebnitz zu meinen Freunden nach Krotoschin.
Ich hatte sie vor zwei Jahren kennen gelernt, als ich von Breslau zu meinem Vetter Gunter in Michale fuhr. Gleich hinter Trebnitz stand ein junger Mann am Straßenrand und winkte mit dem Daumen.
Er war Student in Oppeln und wollte seine Eltern in Krotoschin besuchen. Der Vater, zwei Jahre jünger als ich, nach dem Krieg als Heimatvertriebener aus Lemberg hierher gekommen. Als polnischer Student erhielt er ein staatliche Beihilfe für sein Wirtschaftsstudium, währenddessen er auch ein halbjähriges Praktikum in USA absolvierte, und er spricht auch etwas Englisch. Seine Frau lernte er hier kennen.
Sie lebte auf einem polnischen Gutshof, der dann im Warthegau an deutsche Rücksiedler aus Russland übergeben wurde und sie arbeitete dort als Haushälterin weiter und lernte Deutsch.
Nach dem Studienabschluss wurde der Mann Offizier in der polnischen Armee und bekam nach seiner Entlassung einen Zuschuß für einen Hausbau, als er Leiter der staatlichen Wurst-Fabrik in Krotoschin geworden war.
Sie heirateten und bauten das zweistöckige Wohnhaus für sich und ihre zwei Kinder.
Die ältere Tochter hatte in Breslau deutsch studiert, und arbeitete dort als Englisch-Dozentin an der Uni. Sie hat inzwischen einen Arzt geheiratet, der nun als Oberarzt an einer großen Klinik in Militsch, 30 km von Krotoschin entfernt, angestellt ist. Sie haben zwei kleine Söhne und wohnen in einem Einfamilienhaus mit Garten neben der Klinik. Die Mutter war bis zu ihrer Pensionierung Laborantin in der Fabrik ihres Mannes.--
Obwohl ich wie immer unangemeldet kam, wurde ich freudig begrüßt und zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen.
Nach dem Kaffeetrinken sagte ich wieder Adieu und fuhr über Gostyn und Wollstein in meine alte Heimat zu meinen Freunden Dominik und Alex und ihren Familien nach Groß Dammer und Klastawe.
Ich blieb dort aber nur über Nacht, da am Montag den 1. September für die Kinder Schulbeginn und viel zu tun war. Die Sommerferien in Polen dauern zweieinhalb Monate, und natürlich gibt es weniger andere Ferien.
Nach dem Frühstück fuhr ich also weiter über Posen und Bromberg zu meinen Freunden nach Susz (Rosenberg), wo ich wieder herzlich empfangen wurde und übernachten konnte.
Am nächsten Vormittag spazierte ich durch die Stadt zur nur knapp erstellt Badeanstalt am großen See, um dort zu schwimmen, und lief dann weiter am See entlang, durch den Park, in dem man noch die Verteidigungsgräben der deutschen Soldaten beim Rückzug vor den Russen sehen konnte, hinauf zum großen Backsteindom am Marktplatz, der früher evangelisch war und nun mit polnischen Priestern katholisch ist.
Nach dem Mittagessen fuhr ich dann über kleine Landstraßen etwa 30 km südwärts zur Enkelin Barbara und ihrem Mann Edek, die auf einem Gutshof bei einem kleinen Dorf in einem alten zweistöckigen Steinhaus mit großem Garten und ausgedehnten Stallgebäuden leben.
Der Hof liegt 3 km vom Ort entfernt, nur über einen schmalen Feldweg zu erreichen. Er gehört schon seit mehreren Generationen der Familie Jegowski, die als großbürgerliche Sippe in Thorn (Torun) zuhause ist.
300 Morgen hügeliges Land rund um den Hof gehören zu dem Anwesen, nur ein wenig Wald, sandiger Boden, auf dem qualitativ sehr gute Kartoffeln gedeihen. In den Ställen mästete Edek mit einem Knecht, der eine kleine Wohnung in den Stallgebäuden hatte, Schweine und Kälber mit seinem Getreide und Kartoffeln, bis sie verkaufsbereit waren. Zur Erntezeit hatte er meist ein oder zwei weitere Knechte auf dem Hof.-
Barbara hatte das alte deutsche Gymnasium in Deutsch- Eylau besucht, das nun polnisch war, aber Deutsch als erste Fremdsprache lehrte. Schon als Kind hatte sie von Mutter und Großmutter deutsch gelernt, kann also gut Deutsch sprechen, allerdings viel deutsche Worte vergessen. Edek spricht überhaupt nicht Deutsch.-
Sie haben zwei Söhne, Arthur und Tomek, die jeden Tag 4 km mit dem Auto zur Dorfschule gebracht werden mussten.-
Barbara wollte im Dachgeschoss ihres Hauses drei oder vier Schlafzimmer und einen gemütlichen Aufenthaltsraum für einen Erholungs-Aufenthalt deutscher Feriengäste in Natur und Einsamkeit einrichten, doch ich konnte ihr dazu keine fachkundige und ermutigende Beurteilung geben. Und wegen der schlechten Verkehrs Anbindung wurde ihr Projekt nie realisiert.
Ich durfte in einer gemütlichen kleinen Schlafkammer im Dachgeschoss übernachten und wurde eingeladen, noch einen Tag Sommerfrische bei der Familie zu genießen.
Ich sah ein wenig bei der Feld- und Stallarbeit zu und wanderte bei schönem Wetter auf dem kleinen Feldweg, der dann kaum noch für Pferdegespanne zu befahren war und irgendwo am Horizont zu einem anderen Dorf führte, weiter in eine kleine Senke bis zu einem See, aber kehrte dann zum Hof zurück. Weit und breit war kein anderes Haus zu sehen, nur am Feldweg in der anderen Richtung lag in einem Waldstück noch ein kleiner Bauernhof, der von einem Ehepaar mit zwei kleinen Kindern bewohnt war.-
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen verabschiedete ich mich und fuhr nochmal in Rosenberg bei Eltern und Oma vorbei.
Dann weiter über Kwidzyn mit der alten Ordensburg zur Weichsel , wo eine kleine Autofähre (Prom),groß genug für drei Pkw oder zwei Lieferwagen, über den Fluß fährt, ohne Motor, nur an einem langen starken Drahtseil die Strömung als Antriebskraft ausnutzt. Zwei Fährmänner bugsieren die Stahlschlaufen mit denen die Fähre am Seil hängt, mit großen Hanteln das jeweilige Vorderende zum gegenüberliegenden Ufer in die Strömung, so dass diese mit dem lose hängenden Hinterteil die ganze Fähre am Seil entlang Richtung anderes Ufer drückt. Die Überfahrt ist kostenlos, da die ganze Anlage ein Staatsbetrieb ist.-
Meine Fahrt ging weiter über Tuchola, wo in der Tucheler Heide mein Vater seine kleinen Sägewerke hatte, nach Kujan, wo ich ein paar Monate meine Lehrzeit verbrachte. Dort parkte ich mein Auto neben der kleinen Badestelle, wohl nur ein paar Enten im See schwammen, die aber wegflogen, als ich dasselbe tat. Dann noch ein kurzes Sonnenbad und ein Spaziergang über die Dorfstraße zum Sägewerk, das aber nicht mehr in Betrieb zu sein schien.
Die Autoreise ging weiter über Flatow nach Pila (Schneidemühl), der alten Hauptstadt des Regierungsbezirks Grenzmark Posen Westpreußen, über Pniewy (Pinneberg) und Tirschtiegel nach Groß Dammer, wo ich rechtzeitig zum Abendbrot auf dem Hof von Dominik und Celina, seiner Frau, eintraf.
Am Freitag, den 5.9., machte Dominik dann in seiner Garage an meinem Auto den Motor-Ölwechsel und eine Kontrolluntersuchung wie jedes Jahr.
Ich schaute wie immer zu, um mehr über die Innereien meines Autos zu lernen.
Nach dem Mittagessen radelte ich durch Neu Bentschen zum Kaffeetrinken zu meinen Freunden nach Klastawe. Dort spazierte ich dann noch zur kleinen Holzkirche, um die Renovierung des Innenraum zu bewundern, und am Dorfteich und Schlösschen vorbei.
Nach dem Abendbrot per Rad wieder nach Groß Dammer, wo Dominik am Fernseher deutsche Programme einstellte die dort gut zu empfangen sind, und in der Familie fast alle gut Deutsch können. Ich schlief wieder auf der Couch im Wohnzimmer. Am nächsten Morgen radelte ich um halb 7:00 Uhr morgens auf dem Feldweg die anderthalb Kilometer zum Waldrand und kletterte dort auf den unbesetzten Hochzsitz der i Jäger, von wo aus man eine weite Fernsicht nach Osten über die Felder bis zum Dorf hat.
Nach dem Frühstück fuhr ich mit dem Auto über Klastawe, um auch Alex und seiner Familie Aufwiedersehen zu sagen nach Bomst (Babimost), 6 km südlich von Neu Bentschen. Dort wohnte noch die alte Schneiderin meiner Mutter, Frau Stefanowski, eine Deutsche, die mit einem Polen verheiratet war, an der Hauptstraße in einem der einstöckigen Doppelhäuser, wie sie dort in den kleinen Städten üblich waren. Er war aber schon gestorben. Diese Häuser waren natürlich nur sehr einfach mit winzigen Räumen gebaut. Sie freute sich sehr, wenn ich sie besuchen kam, da sie sich mit mir auf Deutsch über die alten Zeiten unterhalten konnte.
Nach zwei Stunden fuhr ich weiter über Neusalz (Nova Sol) nach Breslau zu meinen jungen Freunden. Dort wurde ich wieder herzlich empfangen und bewirtet, lud einige Dinge für die Mutter in mein Auto und startete am Sonntag, den 7.9., nach dem Mittag essen, zurück nach Deutschland, über die Autobahn nach Cottbus, Berliner Ring, nach Hannover, dann Landstraße über Nienburg nach Sulingen zu den Eltern.
Montag früh besuchte ich wieder die Schwimmhalle und nach einem guten Frühstück und herzlichem Adieu, ging es um 11:00 Uhr über die Landstraße nach Minden und die Autobahn über Paderborn-Kassel wieder heimwär. Als ich hinter der Ausfahrt Erlangen West am Dechsendorfer Weiher vorbeifuhr, war es erst 17:30 Uhr und noch sehr heiß und ich hatte im Auto geschwitzt, obwohl ich die Dachluke und alle Fenster offen hatte. Also ging ich an der Badeanstalt nochmal schwimmen, bevor ich die letzten 7 km nachhause fuhr.---
Wenn ich zuhause war, radelte ich im Sommer bei schönem Wetter häufig zum Oberndorfer Weiher, einem der wenigen im Regnitztal noch übrig gebliebenen Fischzuchtteiche, von denen es früher dort sehr viele gab. Neben einer Wiese war eine kleine Badestelle. Ich schwamm 15 bis 20 Minuten im Teich herum und radelte dann wieder nachhause.---
Am Donnerstag, dem 28. August, fuhr ich mittags mit meinem Auto nach Sulingen.
Dort wohnte noch die 65jährige Rentnerin, Frau Jana, die meine Tante Gretel in ihrer Wohnung bis zu deren Tod ein Jahr lang gepflegt hatte.
Sie selber war Deutsche, in Breslau mit einem Polen verheiratet gewesen, und konnte deswegen nach dem Krieg dort bleiben. Sie hatten zwei Töchter und einen Sohn. Nachdem ihr Mann gestorben war, heiratete sie in Breslau einen Italiener und beide kamen vor einigen Jahren zu ihrer Schwester nach Sulingen.
Die älteste Tochter war in Breslau mit einem Feldwebel verheiratet. Sie hatten zwei Kinder und wohnten in einem mehrstöckigen Haus direkt neben seiner Kaserne. Ihre geräumige Wohnung lag im zweiten Stock und vom Balkon aus konnte man den ganzen Kasernenhof überschauen.
Ich durfte immer bei ihnen übernachten, wenn ich in Breslau war, sah dann gerne zu, wenn im Hof Übungen stattfanden, was mich an meine Rekrutenzeit erinnerte.
Der jüngste Sohn war noch ledig, die zweite Tochter verheiratet, mit zwei kleinen Kindern.
Diese Familie hatte ich vor einem Jahr auf Wunsch der Mutter als Umsiedler nach Sulingen gebracht. Aber die Frau bekam Heimweh (und zuletzt Weinkrämpfe), sodass ich die Familie nun wieder nach Breslau zurückholte.-
Am Abend radelte ich in Sulingen noch zum Friedhof, wo meine Oma und Tante Gretel in einem Grab beerdigt waren. Am nächsten Morgen ging ich im städtischen Hallenbad schwimmen, wo die Frühaufsteher zwischen 6:30 Uhr und 7:30 Uhr das ganze Bad für sich alleine hatten, bevor die Schulkinder es stürmten.
Nach dem Frühstück noch einige Besorgungen und nach dem Mittagessen fuhren wir los über Nienburg zur Autobahn nach Hannover, über beide DDR Grenzübergänge (von der Berliner Autobahn Süd-Schleife Richtung Cottbus-Breslau) und waren abends im alten Zuhause der Familie, das von den Geschwistern schon vorbereitet worden war. Am Sonnabend blieb ich dann in Breslau, wo ich in den Familien großartig bewirtet und zum sightseeing in der erstklassig renovierten Innenstadt herumgeführt wurde.
In den Pfingstferien startete ich wieder zur jährlichen Besuchsreise nach Polen in Begleitung von Christian und wir fuhren zuerst zu unseren alten Freunden in Groß Dammer und Klastawe , dann über Lodz und Radom nach Przemysl zur ukraineschen Grenze.
Weiter durch die Vorberge der Karpaten, wo wir einmal auf einem kleinen Bergbauernhof sehr gastfreundlich empfangen und zum Essen eingeladen wurden, wieder westwärts nach Zakopane, dort mit der Seilbahn auf den 2654 m hohen Hausberg, und wir beide kletterten von der Endstation durch den tiefen Schnee hinauf zum Gipfelkreuz. Dann nach Krakau und Czenstochau zur Schwarzen Madonna und über Breslau, durch die DDR nachhause.—
Anfang Juni bekam ich - als es damals gerade erst möglich wurde - ein Besuchs-Visum für die DDR und fuhr mehrere Tage lang alleine mit meinem Auto durch Thüringen, Sachsen, Ost-Brandenburg und Sachsen-Anhalt durch die ländliche Gegend, vermied große Städte, hielt in kleinen Orten und unterhielt mich mit vielen Menschen, was bis dahin als einzelner Tourist nur schwer möglich war.-
In den Osterferien 1977 fuhr ich mit unseren drei Jungen im hellblauen Variant nach Italien.
Über Kufstein, Innsbruck und den Brennerpass ging es zuerst nach Meran, wo ich vor 50 Jahren schon einmal mit meinen Eltern war.
Bei schönstem Frühlingswetter wanderten wir durch den Kurort und zum Schloss Tirol.
In Österreich und Italien gab es damals noch keine Autobahnen und so fuhren wir weiter auf den Landstraßen über Bozen am Gardasee entlang nach Mailand.
Dann nach Genua und an der Levante-Küste über Livorno nach Rom.
Damals gab es viel dreirädrige Lieferwagen auf den Straßen.
In Rom besichtigten wir viele der Sehenswürdigkeiten und auch die Katakomben.
Kurz davor parkten wir unser Auto am Straßenrand und liefern zum Eingang. Nach 30 m hörten wir ein Klirren und sahen noch, wie ein Mann das hintere Fenster an der Straßenseite unseres Autos eingeschlagen hatte. Wir rannten zurück, aber der Dieb war mit Michaels Fotoapparat, der auf dem Sitz lag, schon spurlos verschwunden.
5 Minuten später kam jemand vorbei und gab uns die Adresse einer Autoglas-Reparaturerkstatt.
Erst nach einer Viertelstunde erschien ein Polizist, um unsere Anzeige aufzunehmen.
Dann fuhren wir zu der Werkstatt, um eine neue Scheibe einsetzen zu lassen.
Weiter fuhren wir an der Küste entlang nach Neapel.
Wir sahen uns die Stadt an, kletterten aber nicht auf den Vesuv.
Auf der Küstenstraße ging die Fahrt weiter südwärts über Salerno nach Messina.
Allerdings fuhren wir nicht mit der Autofähre über die Straße von Messina, sondern parkten unser Auto im Hafen von Reggio Di Calabria und fuhren morgens mit der Personenfähre nach Messina, sahen uns tagsüber die Stadt an, und abends wieder zurück.
Der Fährpreis fürs Auto war viel höher als der für 4 Personen und außerdem wollten wir sowieso nicht nach Sizilien fahren, sondern um den Stiefel Italiens herum.
Also ging die Fahrt weiter auf der Küstenstraße zum Capo Spartivento, dann nach Crotone und weiter am Golf entlang nach Taranto, zum Capo Sta. Maria di Leca, danach wieder nordwärts nach Brindisi. Weiter an der Adria Küstenstraße entlang über Bari um die Gargano Halbinsel nach Pescara und Ancona.
Die drei Jungens waren bei den Pfadfindern -Stephen,14, führte eine Wölflingsgruppe- und wenn wir gegen Abend einen schönen Rastplatz fanden, bauten sie am Auto das Zelt auf und bereiteten auf einem kleinen Petroleumkocher das Abendessen. Morgens gab es heißen Kaffee oder Tee zum Frühstück und tagsüber Marsch-Verpflegung.-
Da wir in den Osterferien noch vier Tage Zeit hatten, fuhren wir über Rimini und Ravenna noch nach Venedig , wo wir unser Auto auf dem großen Parkplatz am Bahnhof stehen ließen und einen Tag lang durch die Stadt wanderten.
Auf den Bergen der Alpen wurden wir dann in den letzten Apriltagen noch von frischem Schneefall überrascht.
In den Pfingstferien fuhr ich mit Christian und Susanne wieder zur Fliederblüte nach Polen.
Nach Besuch meiner alten Heimat an der Korridorgrenze und Marias in Ostpreußen fuhren wir durch die masurische Seen-Platte über Suwalki Richtung polnisch-russische Grenze auf der Straße nach Kowno.
1 km vor der Grenze stand ein großes Schild:
Weiterfahrt ohne Sonderausweis verboten.
Weit und breit war kein Mensch oder Fahrzeug zu sehen und ich wollte unbedingt ein Foto von der Grenzstation machen.
Also fuhr ich noch weiter ran bis ich gut knipsen konnte und drehte dann um.
Im nächsten größeren Ort hielt uns ein Grenzpolizist an und brachte uns zur Polizeiwache.
Dort wurde ich wegen Grenzverletzung als verhaftet erklärt.
Fotoapparat und Filme wurden mir abgenommen, unsere Ausweise überprüft und das ganze Auto gründlich durchsucht.
Nach drei Stunden bekam ich meinen Fotoapparat zurück und wir durften weiterfahren Richtung Polen. Wahrscheinlich wurde ich mit den kleinen Kindern und meinen treuen Blick nicht als Spion eingestuft. Nur die Filme waren natürlich weg.
Ansonsten landeten wir am Ferienende wohlbehalten zuhause.---
Mindestens ein Mal pro Jahr fuhr ich nun auch nach Polen meine alten Freunde besuchen.
Ab 1976 meist in den Pfingstferien, zuerst mit Christian und Susanne.
Auf der Autobahn Nürnberg-Berlin mit zwei kleinen Kindern und Durchreisevisum durch die D.D.R. nach Polen war das am Check-Point Hirschberg damals noch eine aufregende Angelegenheit.
Aus Angst vor Menschen- und anderen Schmugglern wurde an jedem Kontrollpunkt der Volkspolizei der Unterboden eines jeden Fahrzeugs mit großen fahrbaren Spiegeln kontrolliert.
Auch alle mitgeführten Geldbeträge mussten angegeben und nachgezählt werden.
Natürlich wurde auch das ganze Auto einschließlich Motorraum genau untersucht, und alle nicht angegebenen und unerlaubten Gegenstände konfisziert.
Wenn dann noch Durchreisevisum und alle Papiere in Ordnung waren, durfte man weiterfahren, nachdem man sich schriftlich verpflichtet hatte, die vorgesehene Durchreiseroute auf der Autobahn von Hirschberg über den Berliner Ring nach Frankfurt/Oder nicht zu verlassen. Auch die Durchreisezeit wurde überprüft, und wenn diese bei der Ausreise in Frankfurt/Oder den Kontrolleuren zu lang erschien, musste man nachweisen, was man so lange getan hatte.
In Polen atmete man dann tief auf, denn dort war ein so strenges staatliches Überwachungssystem unbekannt. Außerdem blühte und duftete dort zur Pfingstzeit überall der Flieder, an vielen Straßenrändern, wo er nicht, wie in wohlhabenden westlichen Ländern, als Unkraut vernichtet worden war.
Polen war damals noch ein sehr armes Land, kommunistisch regiert und mit russischer Besatzungsmacht.
Wir fuhren zum Bauernhof der Familie Manja in Groß Dammer, wo wir wieder wie gute Freunde aufgenommen wurden.
Bei unserer ersten Polenreise 1974 hatten wir die Familie Ceglarz kennen gelernt.
Sie wohnen in dem kleinen Dorf Klastawe an der Südostseite des ausgedehnten Neu Bentschener Bahnhofgeländes. Ihr Haüschen mit kleinem Vorgarten und altem Brunnen steht an der Durchgangstraße etwa 150 m neben der 300 Jahre alten kleinen Holzkirche, die ein evangelischer deutscher Graama Schrei des inneren Guten ls gestiftet hatte. Darum ein etwa 1 ha großer Hain mit uralten Eichen und einem Dutzend z.Tl. deutschen alten Gräbern.
Um ihr Haus gehört der Familie Ceglarz 1 ha Ackerland. Hinter ihrem Haus ist noch ein kleines Stück Rasen mit Hühnerstall, Garage, Nebengebäude und Hundehütte eingezäunt.
Alex, ein großer, freundlicher, ruhiger Mann, etwa 10 Jahre älter als ich, war Lokomotivführer und wegen Zuckerkrankheit Frührentner.
Er sprach gut Deutsch, ebenso wie seine Schwiegermutter, die mit schwerer Gicht bettlägerig war und in einer kleinen Kammer hinter dem Schlafzimmer lag.
Sie war Deutsche, mit einem Polen verheiratet, der schon gestorben war.
Ihre Tochter, Alexs Frau Lucy, ist etwa in meinem Alter und kann nur wenig Deutsch. Ihre Tochter Eva ging in Neu Bentschen zur Schule. Die Oma starb in den achtziger Jahren und Alex etwa 10 Jahre später.
Sein Hobby war Angeln.
Am Großen Naßletteler See hatte er seinen alten Holzkahn liegen und radelte fast jeden Tag die 15 km dorthin und ruderte dann stundenlang über den mehrere Kilometer langen See.
Wenn wir zu Besuch waren, fuhren wir natürlich mit dem Auto hin und nach ein bis zwei Stunden wieder zurück, egal, ob etwas angebissen hatte oder nicht.
Wenn er seinen Acker bestellte, borgte er sich von seinem Nachbarn einen großen Gaul und Christian und Susanne durften dann auch darauf reiten.-
Mein bester Freund in Polen war Dominik Manja, Celinas Mann.
Er sprach genauso gut Deutsch wie Alex und war noch vielseitiger interessiert als dieser.
Leider ist er vor fünf Jahren ganz plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben.
Das war schlimm für Celina, denn sie haben über 40 Jahre glücklich zusammen gelebt und als verwitwete Bauersfrau bekommt sie nur eine ganz geringe Altersrente.
Für ihren Sohn Peter mit Frau und vier Kindern hatten sie ein großes Wohnhaus im Dorf gebaut.
Vor einem Jahr ertrank Peter bei einem Wochenend-Badeausflug nach Misdroy auf Wollin in der Ostsee.
Ein großer Reisebus mit vielen Familien aus zwei Dörfern war nachts dorthin gefahren und man anmüsierte sich tagsüber am Strand und im Wasser. Nur wenige der Teilnehmer waren näher miteinander bekannt.
Um die Mittagszeit im hüfttiefen Wasser wurde plötzlich eine Frau kurz ohnmächtig . Alle kümmerten sich um sie und trugen sie an den Strand.
Erst eine halbe Stunde später bemerkte Peters Familie, dass er nicht mehr da war.
Man begann überall zu suchen, am Strand und im Wasser, aber ohne Erfolg.
Nachdem der Rettungsdienst einen Hubschrauber anforderte, entdeckte dieser etwa 700 m von der Unfallstelle entfernt im Wasser eine Hand. Sie gehörte dem toten Peter.-
Die beiden Töchter sind verheiratet.
Christina wohnt mit Mann und drei Kindern im Dorf in einer Wohnung auf dem Hof der Schwiegereltern.
Bozena mit zwei Kindern in einem Einfamilienhaus, das ihr Vater gebaut hatte, in Neu Bentschen. Ihr Mann Richard arbeitet schon seit vielen Jahren in einer Großgärtnerei bei Lemgo in Westfalen. Mit zwei Kollegen fahren sie jeden Sonntag abend im Auto dorthin und am Wochenende wieder nach Haus. Alle sprechen natürlich gut Deutsch.-
Der älteste Sohn Zbigniew ist Eisenbahnfeuerwehrmann.
Er hat immer 24 Stunden Dienst und 48 Stunden frei.
Er ist verheiratet mit der Tochter einer polnischen Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine. Sie haben ein Grundstück im benachbarten Dorf Rogsen (Rogozne) bekommen, das vor über 200 Jahren von deutschen Bauern aus Franken gegründet und bis Kriegsende bewohnt war. Darauf haben sie hinter dem alten Bauernhaus, das teils zerstört war, ein neues großes Wohnhaus gebaut.
Im alten Stallgebäude hat sich der Zbigniew, gelernter Automechaniker, eine kleine Autowerkstatt eingebaut.
Er hat mit seiner Frau zwei Kinder, die zur Schule gehen.- Der jüngste Sohn Przemyslaw, Anfang 30 , hat vor einigen Jahren auch geheiratet und sie haben eine kleine Tochter. Sie wohnen mit der Oma im Haus, und Przemek ist nun der neue "Hausherr".
Er arbeitet als LKW-Fahrer, lange Zeit bei einem polnischen Unternehmen in einem Nachbarort, nun aber bei einer Berliner Firma, wohin er mit einigen Kollegen Sonntag abend mit seinem Pkw fährt und am Wochenende wieder nachhause. Während der Woche sind sie dann mit ihren Ladungen in ganz Westeuropa unterwegs.-
Dominik war ein kluger, rühriger Mann. Als Landwirt mit seinen 12 ha und etwas Wald war er längst nicht ausgelastet. Die Bauern in Groß Dammer hatten natürlich wie überall in Deutschland schon lange vor dem Krieg Traktoren.
Dominik war auch ein guter Mechaniker und Schweißer. Im ganzen Dorf reparierte er Trecker und erledigte Schweißarbeiten. Mit seinem Fiat fuhr er oft in die größeren Nachbarorte um Material und Ersatzteile zu holen.
Er war auch Löschwagenfahrer bei der Freiwilligen Feuerwehr.
So war er Kleinbauer und selbstständiger Kleinunternehmer.
Allerdings brauchte man in Polen dazu keine Gewerbescheine und sonstige Genehmigungen.-
Auf dem großen Dorf-Friedhof mit Kapelle an der Landstraße 500 m hinterm südöstlichen Ortsausgang , dicht an der alten deutsch-polnischen Grenze, sind unter großen Eichenbäumen zahlreiche Familiengräber sowie ein wuchtiger Gedenkstein mit den Namen von über 100 jungen und älteren Männern aus dem Ort, die als deutsche Soldaten in beiden Weltkriegen gefallen oder vermißt waren. -
Mitten im Ort am großen Teich steht im alten Eichen-Park ein in grauer Schloß-Bau aus dem vorigen Jahrhundert, der von der Gemeinde für Hochzeiten und andere Feste genutzt wird. Neben dem Teich haben die Dorf-Bewohner vor 20 Jahren eine neue Kirche in Gemeinschaftsarbeit gebaut und etwas später ebenso eine neue große Volksschule. (Gemeinschaftssinn bei den Familien und im ganzen Dorf mit knapp 1000 Einwohnern.)---
Am Morgen darauf ging es zum eigentlichen Ziel unserer Reise: Marias Geburtsort Wormditt (Orneta).
Während Rosenberg früher zu Westpreußen gehörte und evangelisch war, liegt Wormditt im Ermland (Warmia), einer alten Liebe Diözese, die sich vom frischen Haff quer durch Ostpreußen bis an die Masurische Seeenplatte erstreckt, und auch während der Reformation streng katholisch blieb. Die nördliche Ecke gehört nun zu Russland. Ursprünglich war das Gebiet der altpreußische Gau Warmien. Im Mittelalter siedelten im nördlichen Teil niederdeutsche, in der Mitte schlesischen Bauern. Um das 17. Jahrhundert standen polnische Bischöfe der Diözese vor, bis zum Einzug der Russen meist deutsche. Eine Zeit lang hieß es "Fürstbistum Ermland".- Der große Backsteindom in Wormditt war seit jeher mit katholischen Bischöfen besetzt.
Marias Vater war bei ihrer Geburt am 10.8.31 Diasporapfarrer der am Stadtrand gebauten kleineren evangelischen Kirche. Im zweistöckigen Pfarrhaus mit Garten hatte seine Familie im oberen Stockwerk eine geräumige Wohnung. Da es seit der Vertreibung keine deutschen (evangelischen) Menschen mehr im Ermland gab, gehörte die Kirche nebst Pfarrhaus nun einer orthodoxen Gemeinde.
Der Priester, der auch ein wenig Deutsch sprach, predigte meist auf polnisch. Hinter der Kirche unter hohen Bäumen lag der kleine Friedhof. Der Priester hatte im Erdgeschoss des Pfarrhauses sein Büro und eine kleine Wohnung für seine Familie mit Frau und Kind. Die übrigen Räume des Pfarrhauses wurden als Alten- und Kranken-Asyl genutzt. Im Hof hielten sie sich Hühner und Enten und ein paar Ziegen. Unsere Kinder konnten auf einem Rasenstück im Hof ihr Zelt aufbauen. Das Leben der wenigen Gemeindemitglieder , die wir sahen und mit denen wir uns kaum verständigen konnten, erschien uns recht armselig. Dagegen sah die Innenstadt Wormditts mit dem Dom auf dem großen Marktplatz doch besser aus und am Bahnhof, einem kleinen Knotenpunkt, herrschte reger Verkehr. Wir machten diverse Fotos von der Kirche und dem Pfarrhaus in dem Maria aufwuchs, bis sie sieben Jahre alt war. Dann wurde ihr Vater als Superintendent nach Königsberg versetzt und die Familie zog dorthin.--
Das wichtigste Ziel unserer Reise (Marias Geburtsort) war erreicht.
Nun ging die Fahrt wieder Richtung Westen, zuerst nach Braunsberg mit der Deutsch-Ordens-Burg, die später Bischofs-Burg wurde, mit einem Jesuiten-College, Priester-Seminar, höheren Schulen, der großen backstein-gotischen Hallen-Kirche Sankt Katherinen, ein Mittelpunkt katholischer Lehre. Zugleich auch Kreisstadt mit Rathaus und anderen historischen Verwaltungsgebäuden, ebenso Hafenstadt an dem schiffbaren Fluss Passarge, 7 km vom Frischen Haff entfernt, die 1284 des lübische Stadtrecht erhielt und Mitglied der Hanse wurde. Im Krieg wurden viele Teile der Innenstadt zerstört, nun aber schon im alten Stil z.Tl. wieder neu aufgebaut. Unsere Reise ging weiter nach Elbing, der großen Stadt an der Nogat (dem rechten Arm der Weichselmündung) Niederung.
Danach besichtigten wir natürlich auch die berühmte Marienburg.
Dann ging es nach Danzig, meiner Geburtsstadt.
Zuerst fuhren wir zu dem Haus, indem wir gewohnt hatten. Leider war es verschwunden.
Auf dem Grundstück war ein großer gepflasterter Autoparkplatz.
Wie man uns erzählte, wurde das Haus am Kriegsende von Russen abgebrannt.
Alle anderen Gebäude in der Umgebung standen noch und so, wie ich sie in Erinnerung hatte.
Wir liefen eine Weile durch die Gegend und ich erzählte meinen Kindern von meinen ersten Lebensjahren.
Dann fuhren wir zur Marienkirche, dem gewaltigen Backstein-Dom. Wir liefen durch die wunderschön restaurierte Wollwebergasse, an der Mottlau entlang zum Krantor, zum Artushof und Rathaus am langen Markt und durch die Langgasse zum Stockturm.
Unsere Reise ging weiter nach Süden ins alte Schlesien.
In Breslau schauten wir uns den Marktplatz an mit dem historisch restaurierten Rathaus. Dann fuhren wir nach Hermsdorf unterm Kynast, wo ich als Kind oft meine Ferien bei den Großonkeln mütterlicherseits verbrachte.
Der 588 m hohe Kynast ist ein steiler bewaldeter Bergkegel, wo Herzog Bodo II. von Schweidnitz im 14. Jahrhundert auf den riesigen Granitfelsen an der Spitze eine Burg baute, die später die Herren von Schaffgottsch zu einer mächtigen Anlage mit eine kantigen Festungsmauer rundherum ausbauten. Im Jahre 1675 brannte die Burg nach einem Blitzschlag aus. Seitdem sind die Ruinen ein beliebtes Ausflugsziel. Der steile Fußweg dorthin beginnt direkt am Ortsrand.
Mein Großonkel Hermann, der Schuster, erzählte uns Kindern die Geschichte von dem stolzen Burgfräulein:
die Freier mussten auf ihrem Pferd auf der hohen Burgmauer ganz herum reiten, wenn sie erhört werden wollten. Roß und Reiter stürzten alle herunter und auf den steilen Felsen zu Tode. Als sie sich in einen Freier verliebte, ritt sie selber auf ihrem Pferd auf der ganzen Mauer wohlbehalten herum. Die beiden heirateten, waren glücklich und hatten viele Kinder. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Von Hermsdorf fuhren wir nach Krummhübel, wo wir mit der Seilbahn auf den Riesengebirgskamm fuhren, und den großen Kammweg nach Norden entlang marschierten, an denen Elbquellen vorbei, die nach Westen plätschern, und den vielen Bauden, bis hinter die Schneegruben, dann hinunter nach Oberschreiberhau, von dort mit dem Bus zurück nach Krummhübel, wo unser Auto parkte. -
Von da ab ging es durch die DDR wieder nachhause , denn ich hatte nur 4 Wochen Urlaub, und ohne meine Arbeitsstelle hätte ich nur schwer meine Familie selbst ernnähren können. Dabei half mir Maria aber sehr großzügig: sie verlangte kein Wirtschaftsgeld und bezahlte viele kleine Einkäufe von ihrem Teilzeit-Nachtschwestern-Lohn.
Anfang der Sommerferien 1974 fuhren wir also zu fünft auf der Autobahn durch die DDR Richtung Berlin und um den Berliner Ring weiter nach Stettin.
Dort besichtigten wir Stadt und Hafen. Als wir am Kai an den großen Dampfern vorbeischlenderten und uns dabei unterhielten, wurden wir von ein paar Teenagern angepöbelt. Leider konnten wir sie nicht verstehen, aber offensichtlich missfiel ihnen, dass wir Deutsch sprachen. Die deutsche Bevölkerung in Stettin war ja komplett durch Umsiedler aus der polnischen Ukraine ersetzt worden, und von diesen waren gerade junge Menschen mehr deutsch- als russenfeindlich eingestellt.
Das änderte sich aber bald, da die Russen auch aus den neupolnischen Gebieten immer noch Industriegüter und vieles andere Wertvolle in ihre Heimat abtransportierten.- Von Stettin fuhren wir nach Himmelstädt, ein kleines Dorf bei Landsberg/Warthe, wo Lydia Liebe, die zweite Schwester meines Vaters mit ihrem Mann einen Hof mit kleiner Gastwirtschaft besessen hatte.
Wohnhaus und Wirtschaft waren aufgeteilt an zwei Familien aus der Ukraine. Die Krone der uralten Linde vor der Haustür war noch mächtiger geworden und der große Fischteich hinter dem Haus glitzerte noch im Sonnenlicht wie früher. Aber ansonsten sah alles sehr verwahrlost aus. Da wir kein Polnisch konnten, trauten wir uns nicht, den Jungen und den alten Mann, die wir sahen, anzusprechen. Das halbe Dutzend alter Bauernhöfe, die mir früher in der ländlichen Umgebung so märchenhaft erschienen, gab es noch, aber alles sah so fremd aus und schien zu der Kolchose zu gehören, die am Dorfrand mit großen Stallgebäuden und Scheunen in russischem Stil gebaut worden war.
So fuhren wir bald weiter durch die große Stadt Landsberg, die irgendwie auch schon polnisch aussah (vor allem natürlich, da sämtliche Schriftzeichen polnisch statt deutsch waren), in meine alte Heimat nach Neu Bentschen und Groß Dammer zur Familie meines alten Freundes, des Heizers Jakub Jokiel.
Er wohnte mit seiner Frau, seiner Tochter Celina und ihrem Mann Dominik Manja und deren fünf Kindern in einem schönen Bauerhof am Rand des Ortes, der schon seit vielen Generationen fast rein polnisch war.
Sie hatten es schon im Krieg bezogen. Es war kurz vor dem Krieg mit 9 anderen Gehöften für deutsche Rücksiedler aus der Ukraine gebaut worden. Da dann aber die Dörfer dieser Ukraine-Deutschen bald von der Wehrmacht erobert wurden, blieben diese zuhause und wurden später in den Warthegau umgesiedelt.
Kurz vor Kriegsende versuchte ein deutscher Parteibonze, die Familie aus Ihrem Haus zu vertreiben, um selber dort einzuziehen, aber mein Vater konnte diese freche Gewalttat mithilfe der Behörden verhindern. Erst viel später hat mir Celina gelegentlich davon erzählt.-
Natürlich wurden wir wie gute Freunde aufgenommen. Die Kinder bauten auf dem Rasen hinterm Haus ihr Zelt auf und ich durfte auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen. Nachdem wir zwei Tage lang großartig bewirtet wurden, die Kinder Garten, Scheune und Ställe mit allen Tieren inspiziert, wir einen langen Spaziergang über die Felder in den Wald zu den Ruinen der Adelheidskapelle, die ich noch aus Jungens-Tagen kannte, und in das dahinterliegende Wiesenthal mit dem kleinen Flüsschen "Faule Obra" gemacht hatten, verabschiedeten wir uns und fuhren weiter Richtung Ostpreußen, Marias Heimat.-
Über Posen nach Bromberg, wo wir auch das Haus meines Onkels Kurt Wagner und seiner Familie fanden; die neuen Bewohner waren freundlich, aber niemand mehr da, der Deutsch sprechen konnte.
Weiter ging's nach Thorn, wo wir die von den Polen sorgfältig renovierten historischen Plätze und Gebäude (polnische Fachleute sind bekannt für ihre Restaurationskünste) und die wuchtigen alten Festungseinlagen am Weichselufer besichtigten.
Dann fuhren wir durchs Kulmer Land, bei Kulm über die große Weichselbrücke nach Schwetz und Richtung Danzig bis Münsterwalde, wo wir auf einer kleinen Autofähre nach Marienwerder mit der großen Burg der Ordens-Ritter übersetzten.
Die Autofähre über die Weichsel ist ein großer Kahn, auf den drei Pkw oder zwei Lieferwagen passen. 3 staatliche Fährmänner maneuvrieren den Kahn an einem langen dicken Drahtseil, das an beiden Ufern in großen Betonklötzen fest verankert ist, über den Fluss.
Allerdings brauchen sie dabei nicht stark zu ziehen, sondern nur an der Anlegestelle den Kahn schräg in die andere Richtung zur Strömung zu lavieren, so dass dieser durch den bloßen Strömungsdruck ans andere Ufer getrieben wird. Da dieser praktische Fährbetrieb in staatlicher Regie steht, ist für Fahrzeuge und Personen keine Gebühr zu entrichten.-
Die Burg in Marienwerder ist auf den oberen Rand des Weichsel-Steilufers gebaut, in gleichem Stil wie die berühmtere Marienburg. Da es in früheren Zeiten noch keine Leitungsrohre gab, baute man an die Burg waagerecht über die Steilwand hinaus einen Gang, der auf einem in der Tiefe hoch gebauten engen Steinturm endete. Von der Klosettkammer auf dem Türmchen am Ende des Ganges fielen die Exkremente in einen Kloakengraben, der vom Regenwasser in die Talwiesen entsorgt wurde, ein wohl einmaliges natürliches Spülsystem. Diese Anlage wurde"Danziger" genannt und war u.a. auch in der Thorner Ordensburg eingebaut. -
Über Riesenburg fuhren wir weiter nach Rosenberg (Susz). In dem evangelischen Städtchen betrieb Marias Großvater väterlicherseits bis zum Einmarsch der Russen ein Bauunternehmen. Am Hauptkplatz steht ein großer Dom im Backsteinstil, der früher evangelisch war und jetzt natürlich katholisch ist. Opa hatte schon lange vor dem Krieg bei seinem Firmengelände am Ortsrand auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit seinen Maurern eine katholische Kirche gebaut, die heute auch noch steht. An der Bahnhofstraße hatte er für seine Familie ein großes zweistöckiges Wohnhaus gebaut.
Dort verbrachte Maria oft die Ferien, und ein halbes Jahr lang ging sie auch in die dortige große Schule, die nur zwei Häuser weiter lag.
Das Wohnhaus gehörte nun einer Bank, und von den Angestellten konnte keiner Deutsch.
Eine Lehrerin die vorbei kamen und etwas Deutsch sprach, sagte, wir sollten in das große Altenpflegeheim in der Seitenstraße, die zum Sportplatz und See führte, fragen gehen.
Dort trafen wir eine alte Frau, eine Deutsche, aber mit einem Polen verheiratet, sie hatten auch zwei Kinder, und sie konnte deswegen dableiben. Beide Sprachen konnte sie fließend, ging mit uns Lebensmittel einkaufen und meinte, wir könnten neben der Badeanstalt am See parken und unsere Kinder dort ihr Zelt aufbauen. Ich schlief wieder im Auto. So konnten wir am nächsten Tag noch einen schönen Badeurlaub genießen.
Im Frühjahr 1973 hatte ich versucht, Maria für einen mehrtägigen Ausflug zur Tulpenblühte in Holland zu gewinnen, aber leider ohne Erfolg.
Wahrscheinlich hat sie darunter gelitten, dass ich ein eingefleischter Reiseonkel war, aber mir nie Vorwürfe deswegen gemacht und mir bei meinen Reiseplänen stets freie Hand gelassen hat, wofür ich ihr heute noch dankbar bin.
Im Herbst 1973 fuhr ich für eine Woche, die Kinder hatten Schule, alleine durch die DDR, durch Sachsen, Brandenburg, Meck-Pom, Sachsen Anhalt und Thüringen inklusive Wickersdorf, da ich neugierig war, das Leben dort kennen zu lernen.-
In den Sommerferien 1974 plante ich dann die erste Reise in die alte Heimat mit den vier ältesten Kindern.
Maria blieb lieber mit den beiden jüngsten zuhause.
Als Touristin wollte sie nie mehr in die alte Heimat zurückkehren,
ebenso wie mein Vetter Willi Liebe.
Er war 1928 zur (schwarzen) Reichswehr eingezogen und nach dreimonatiger Infanterieausbildung mitsamt Ausrüstung nachhause entlassen worden.
Alle Jahre gab's eine dreiwöchige Übung und im Sommer 1939 wurde er rechtzeitig zum Polen Feldzug (Kriegsbeginn) eingezogen. Vielleicht hatte er schon vor dem Krieg mit polnischen Bekannten schlechte Erfahrungen gemacht, auf jeden Fall wurde seine Meinung über polnische Menschen durch seine Erfahrungen und Erlebnisse während des Polen Feldzugs weiter negativ beeinflusst.
Krieg ist Krieg und im Kampf heisst es oft: du oder ich , und da gibt es keine Gesetze. Und wilder Hass kann menschliches Fühlen ausschalten.
Willi hat mir erzählt, dass er in einem deutschen Dorf, das von polnischen Fanatikern verwüstet worden war, bevor die deutschen Soldaten eintrafen, auf einem Staketenzaun die Köpfe deutscher Kinder aufgespießt sah. Und ich bin fest überzeugt, dass er mir die Wahrheit sagte.-
Willi blieb den ganzen Krieg über aktiver Soldat bei seiner Einheit, wurde Unteroffizier und war zuletzt mit dem Feldwebel, seinem besten Freund, in Norddeutschland eingesetzt. Dort fiel dieser kurz vor Kriegsende bei einem feindlichen Fliegerangriff. Er hatte einen alten Bauernhof in Wachendorf bei Syke. Dort hatte Willi bei einem Kurzurlaub den Hof, die Frau und drei Kinder kennen gelernt. Bis zum Krieg hatte er den Hof seines Vaters im Himmelstädt bei Landsberg/Warthe bewirtschaftet. Dort waren nun die Russen und er wollte und konnte nicht dahin zurück.
So bot er der Frau seines toten Kameraden an, ihren Hof weiterzuführen. Zuerst hatte er dort ein Zimmer neben dem Pferdestall, heiratete aber bald eine 15 Jahre will nur in ihnen ~ich Frau, die als Bombenflüchtling in dem Dorf lebte. Sie mieteten eine kleine Wohnung in einem Nachbarhaus und blieben kinderlos. 30 Jahre lang arbeitete Willi auf dem Hof, bevor er in Rente ging. Aber noch oft half "Onkel Willi" aus bei den Kindern, die nun schon längst erwachsen waren.
Er war aktives und respektiertes Mitglied im örtlichen Kriegerverein, starb mit 92 Jahren und wurde von seinen Freunden und Bekannten wie einer der Ihren zu Grabe getragen. Seine Frau Lotti lebte noch zwei Jahre in einem Altenheim, starb dann aber auch an einer Infektionskrankheit.
Willi´s jüngerer Bruder Fritz hatte der Metzger gelernt und bei einem Betriebsunfall den linken Arm verloren. Deshalb war er nie Soldat und lebte nach dem Krieg mit Frau und zwei Töchtern in Ost-Berlin. Zu seiner Familie habe ich keinen Kontakt mehr.--
In Neu Bentschen hatten wir ein kleines Mansarden Zimmer, wo wir im Winter unsere Heimabende abhielten. An einem Dezemberabend 1935 trat der Dorfpolizist ein, beschlagnahmte unsere Gruppen-Utensilien und befahl uns, in die Hitler Jugend einzutreten. Noch im Sommer 1936 machten wir in Freischar-Kluft (blaues Hemd, Halstuch und Knoten) unsere Wochenend-Fahrten zu den Obraseen. Diese langgestreckte Seenkette, verbunden durch den kleinen Obra-Fluss, verlief etwa 100 Kilometer weit in Nord-Süd Richtung östlich von Neu Bentschen.-
Am Ende des Tuchalla-Sees liegt das kleine Dorf Wojnowo. Dort hatte das Fürstenhaus zu Lippe-Biesterfeld ein einfaches Landschloß. Heute ist in den Gebäuden eine polnische Oberschule mit Internat untergebracht. Prinz Bernhard Leopold, 10 Jahre älter als ich, war in den Sommermonaten oft dort. An kalten Winter Sonntagen, wenn die Seen zugefroren waren, fuhren wir mit dem Rad zum Tuchallasee und liefen kilometerweiter Schlittschuh auf den langgezogenen Seen. Dann kamen wir dicht an dem Landschloß vorbei, aber den Prinzen habe ich natürlich nie gesehen. Man sagte , er sei Hitler-begeistert und SA-Mitglied. Später heiratete er Prinzessin Juliane der Niederlande. -
Am nächsten von uns lag der Bentschener See. Er ist auch der größte der Obraseen. Während die deutsch-polnische Grenze meistens mitten durch die Obra und die Seen ging, war hier ein 3 m breiter Streifen westlich des Seeufers noch polnisch. Deshalb fuhren wir nur an heißen Sommer- nachmittagen dorthin zum Baden, mußten dann aber scharf aufpassen, nicht von unseren „Feinden“, den polnischen Grenzsoldaten , die gelegentlich auf dem Streifen entlang patrouillierten, erwischt zu werden.-
Einer meiner besten Freunde war unser Heizer
Jakub Jokiel, 18 Jahre älter als ich. Er wohnte auf seinem Bauernhof in Groß Dammer. Besonders im Winter ging ich gerne in sein Kesselhaus um mich aufzuwärmen und mit ihm zu unterhalten. Seine Muttersprache war polnisch, aber er konnte genau so gut deutsch sprechen wie ich, da er es auf der Schule gelernt hatte. Er hatte auch seinen dreijährigen Wehrdienst als deutscher Soldat gemacht, war aber im Krieg nicht mehr eingezogen worden, da er in einem „Kriegswichtigen Betrieb“ arbeitete. 1934 hatte Hitler angefangenen, auf einem in Nordsüd-Richtung ver- laufenden Höhenzug, etwa 15 km nördlich, einen Ostwall zu bauen. Da das Sägewerk meines Vaters für die Stellungen viel Holz lieferte, wurde sein Betrieb als kriegswichtig eingestuft. Heute sind die verlassenen Anlagen und Tunnels, die von vielen Fledermäusen und anderen Tieren bewohnt werden, für Touristen freigegeben. Jakob war gerade frisch verheiratet und seine älteste Tochter Celina wurde noch im Krieg geboren. Sie war später mit Dominik Manja verheiratet und erbte den Bauernhof von ihrem Vater.
1974 machte ich nach dem Krieg zum ersten Mal wieder eine Autoreise nach Polen mit meinen vier ältesten Kindern und wir besuchten die Familie auf ihrem Hof.
Seitdem fahre ich jedes Jahr wieder ein bis zweimal nach Polen in die alte Heimat.
- Mein Vater konnte gut polnisch sprechen, was er wohl schon als Junge in seiner Heimat gelernt hat, und später auch schreiben, da er es für sein Geschäft benötigte. Leider haben wir beiden Kinder es nie gelernt, da wir es nicht nötig hat denn, was ich noch heut bedaure. Nach dem Polen Feldzug richtete mein Vater eine Geschäfts Filiale in Radom ein ,einer größeren Stadt 80 km südlich von Warschau. Ein polnischer Freund aus Wollstein,Herr Musiol, leitete dort das Sägewerk. Zweimal nahm mich mein Vater auch auf einer längeren Geschäftsreise mit dem Auto nach Warschau und Lublin mit. In Warschau gab außer dem Sowjet-Hochhaus, das damals noch im Bau war, keine Wolkenkratzer. In Lublin kann ich mich noch gut an das große jüdische Getto erinnern mit der Synagoge und den vielen engen winkligen Gassen.- In Neu Bentschen
gab es manchmal Umzüge der SA, aber sonst keine Demonstrationen. Wir hatten auch weder Kommunisten noch jüdische Mitbürger.-