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bi_cand.rer.nat

Ich fuhr bald nach Hamburg, um mich an der dortigen Universität für den Studiengang Holz- und Forstwirtschaft zu immatrikulieren und ein Zimmer zu suchen.
Mein Fachinstitut war in Reinbek und ich fand ein Zimmer bei einer sehr netten Familie mit zwei Schulkindern in Bergedorf.

Dann radelte ich nochmal für ein paar Tage nach Berlin die alte Landstraße entlang über Lauenburg, Ludwigslust und Perleberg.
Die Autobahn gab es damals noch nicht, und ich hatte sowieso kein Auto zur Verfügung. Dieselbe Tour auch zurück zum Semester- beginn.-
Auch in Hamburg radelte ich nach Reinbek und zu den Vorlesungen im Universitätsgebäude am Dammtor.
Nur im Winter fuhr ich per S-Bahn.

Neben meinen Pflichtvorlesungen besuchte ich auch viele andere Vorträge an der Uni, z. B. über klassische Malerei und Musik.
Mein Lieblings-Maler war der Spanier el Greco wegen der scharfen Farb-Kontraste in seinen Bildern, mein Lieblings-Komponist Chopin.
Gern besuchte ich auch die Klavierkonzerte und andere Veranstaltungen im Amerika Haus an der Alster, das es heute leider nicht mehr gibt. Ich finde, dass Holzinstrumente, wie besonders Konzertflügel, einen weicheren, schmiegsameren Ton erzeugen.-

-Die Hamburger Studienzeit hat viel zu meiner „Allgemeinbildung" beigetragen.
Das Hauptthema der ersten vier Semester in meinem Fachstudium waren die Naturwissenschaften. Sie haben sehr stark meine heutige Weltanschauung geprägt.
Nach der Vorprüfung bekam ich den akademischen Titel, den es längst nicht mehr gibt: cand.rer.nat.-

Weitere Titel habe ich leider nicht erworben.
Dafür aber weitere Erkenntnisse in meiner " Sturm und Drang"-Periode.
Mein Vater hatte mir zwar die Grundsätze eines ehrbaren Kaufmanns beigebracht, aber nun beschäftigte mich mehr das Leben jenseits von Soll und Haben.
„ Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“.-Stalin, die Russen, Hitler ?
Wer hatte mich enterbt ?
Wofür hatte ich im Krieg meine Pflicht getan?-
Wo ist Gott?
Was sagt mein religiöses Gewissen?
Diese Fragen waren für mich nun wichtig geworden.

Als evangelischer Christ wollte ich auch den katholischen Glauben näher kennen lernen.

Ich meldete mich beim Bauorden,
einer katholischen Laien-Organisation, die in Frankreich Wieder-Aufbauarbeit von kriegs- zerstörten Gebäuden für junge Menschen organisierte.
Ich lernte Pater Haimo in Herleshausen, der für den Bauorden arbeitete, und in Hardegsen bei Göttingen einen älteren pensionierten Bankrat und seine Frau kennen, die ich bald öfter besuchte und mit ihnen diskutierte.
In den Sommerferien 1952 arbeitete ich sechs Wochen lang bei einem Bauorden Projekt in der Bretagne, wo wir ein kleines zerstörtes Dorf wieder aufbauen halfen.
1953 an der Normandie beim Wiederaufbau der Nebengebäude eines Benediktiner-Klosters.
Dort wohnten wir in den alten Klostergebäuden und nahmen unsere Mahlzeiten mit den Mönchen ein.
Es waren nur noch ein Dutzend und die meisten von ihn über 60 Jahre alt. Wir lauschten ihren Andachten und Gesängen und noch heute habe ich diese sakrale Umgebung in guter Erinnerung. Dem katholischen Glauben näher brachte sie mich aber auch nicht.-

bi_radfahrer

Ich meldete mich bei der TU Hannover ab, packte meinen Rucksack, und fuhr per Anhalter meine Schwester Ilse in Tunbridge Wells,Sussex, England besuchen, mit der Kanal-Fähre Calais - Dover.
Dort absolvierte Ilse ihre Physical-Therapie-Lehre und wohnte in einer kleinen Pension, wo ich auch ein Zimmer bekam.
Ich trampte aber bald weiter nach Bristol, wo ich mich an der Uni als Austauschstudent für das Herbst-Trimester eintragen wollte.
Ich fand auch bald ein schönes Zimmer bei einem jüngeren Ehepaar in einem typisch englischen Einfamilienhaus ohne Zentralheizung aber mit einem großen Kaminfeuer im Wohnzimmer. Es lag in einem hügeligen Wohnviertel 3 km oberhalb der Uni.
Ich besorgte mir ein gebrauchtes Fahrrad und radelte jeden Tag zu den Vorlesungen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht zum Rad fahren in Deutschland. Radler hatten immer Vorfahrt und die Autofahrer benahm sich uns gegenüber wie perfekte Gentlemen. Mittag aß ich in der Uni Kantine, Frühstück und Abendbrot bekam ich bei meinen Wirtsleuten auf englische Art einschließlich afternoon tea. Ich hörte alle möglichen Vorlesungen und verstand bald auch alles, wenn langsam und deutlich gesprochen wurde. Mein eigener Dialekt blieb stümperhaft.
Über die kurzen Weihnachtsferien fuhr ich wieder meine Schwester Ilse besuchen. Dort genoss ich auch zum ersten Mal echten Plumpudding.

Nach dem Frühjahrs Trimester packte mich wieder das Reisefieber.
Ich trampte nordwärts, ein paar Tage lang zusammen mit Ilse, die dann aber wieder zurück zu ihrer Schulung musste, also alleine weiter über Newcastle, Edinburgh und Glasgow durch Schottland bis zur Isle of Skye.
Über die Meerenge hinüber gab es noch keine Brücke, und die Fähre war mir zu teuer. So machte ich noch eine große Schleife durch die Highlands, bevor es zurückging nach London.
Auf den holprigen Straßen in Schottland litt wieder mein Rücken, besonders auf Holzbänken in uralten ungefederten kleinen Lieferwagen, wenn in jedem Schlagloch mein Kreuz zusammengestaucht wurde. Einmal nahm mich ein Gutsbesitzer in seinem offenen viersitzigen Ford Oldtimer mit, den Motor warf er mit einer großen Kurbel unter dem Kühler an, und als wir in seinem Hof ankamen, nahm er einfach das Steuerrad ab und mit ins Haus (einfache Diebstahlsicherung). In London besuchte ich ein älteres Ehepaar, gute Freunde meiner Schwester Ilse, die beide schon pensioniert waren und mich sehr freundlich aufnahmen. Ich durfte einige Tage bei ihnen bleiben und sie zeigten mir alle Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt.-

Inzwischen war es schon Frühsommer 1951 und Zeit für mich nachhause zu fahren.
Dort hatte sich einiges geändert.
Im Februar waren meine Eltern aus Sulingen nach Berlin umgezogen in die Mansarden-Wohnung ihres Hauses in der Preußen Allee 33, also auch mein neues Zuhause. Meine Oma in Sulingen wäre am 5. März 89 Jahre alt geworden. Aber leider starb sie am 3. März an Altersdiabetes. Meine Mutter war schrecklich betrübt, da sie zu Omas Geburtstag nach Sulingen fahren wollte und ihre Mutter nicht nochmal lebend sehen konnte.-