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bi_anhalter

In den Sommerferien 1954 war meine Schwester Ilse wieder in Berlin und wir starteten zu einer gemeinsamen Tour per Anhalter nach Italien.
Es war Augusts und warm genug, dass wir irgendwo auf den Hügeln über dem Lago Maggiore im Freien in unsern Schlafsäcken übernachten konnten. Im Dunkeln sahen wir unten in dem großen See die Lichter vom Ufer sich widerspiegeln.
Weiter ging es über Mailand,Genua auf der Straße am Mittelmeer entlang nach Rom und Neapel.
Auf der Straße über den ablehnenden nahm uns ein alter LKW mit. Im Führerhaus hatte neben dem Fahrer und Beifahrer nur Ilse Platz und ich musste es mir hinten im Laderaum auf großen Käselaiben bequem machen.
Es war schon dunkel, da hielten wir mit den in den Bergen neben einem kleinen Wirtshaus an. Ilse kam aufgeregt zu mir und rief mir zu, schnell auf die Straße zu springen. Der Fahrer hatte sie aufgefordert, Sex-Dienst als Fahrgeld zu leisten, was sie entrüstet ablehnte.
Daraufhin hielt er an dem Wirtshaus, wo wir auch ein kleines Zimmer für die Nacht fanden. Am nächsten Tag kamen wir nach Bari, eine große Hafenstadt mit fast arabisch anmutender Bevölkerung. Da uns hier alles ein bisschen "fremdländisch" vorkam und wir kaum italienisch konnten, entschlossen wir uns umzudrehen und wanderten auf der Küstenstraße wieder nach Norden.
Dabei kamen wir an Kilometer langen Salinen vorbei, Salzgärten, in denen aus Meerwasser durch Verdunsten Kochsalz gewonnen wird. Große Flächen am flachen Strand werden eingedämmt, das hereingelassene Salzwasser verdunstet in der Sonne und das zurückbleibende Salz kann für den menschlichen Verbrauch genutzt werden.

Natürlich waren wir auch auf dem Vesuv.
Wir kamen am Nachmittag etwas spät zu dem kleinen Gebäude von dem aus Berg-Führer die Besucher zum Kraterrand begleiten, wir waren die beiden letzten.
Zwei junge Führer sassen da mit ihren festen ledernen Bergsteigerstiefeln. Wir hatten nur feste Turnschuhe und erzählten ihnen in deutsch-englischem Kauderwelsch mit italienischen Brocken, dass wir Studenten sind und per Anhalter aus Berlin kommen, um den Vesuv Krater anzuschauen.
Da fassten sie uns an der Hand und zogen uns den Berg hinauf bis an den Kraterrand.
Auf deutsch-italienisch erzählten sie alles Wissenswerte über den Vesuv.
Dann nahm jeder einen von uns in den Arm und wir rutschten auf ihren Stiefeln durch das Lava-Geröll zum Häuschen zurück.
Sie sagten wir seien ihre Gäste und luden uns zu einem Glas Lacrimae-Christi-Wein ein.
Wir bedankten und verabschiedeten uns und wanderten durch die Weinberge. In einer verlassenen Winzerhütte übernachteten wir und reisten am nächsten Morgen wieder nordwärts.
Eine Woche später landeten wir bei unseren Eltern in Berlin.
Im Sommer 1955 war Ilse wieder in Berlin und so beschlossen wir eine Anhalter-Tour nach Spanien.
Durch die Schweiz und Südfrankreich ging es über die Pyrenäen nach Barcelona.
Wie in Italien schliefen wir meist in den Schlaf- sälen billiger Jugendherbergen.
Weil das Anhalter fahren damals noch nicht in Mode war, kamen wir meist sehr gut voran, oft in kleinen Lastwagen. Zwischen Barcelona und Valencia ging die Küsten-Straße über einen hohen Bergrücken und von der Ladefläche eines kleinen LKWs aus hatten wir eine herrliche Fernsicht über das im Sonnenlicht glitzernde Mittelmeer.
In den kleinen Fischer-Städtchen schliefen wir manchmal in am Kai vertäuten alten Kähnen und aßen oft in kleinen Fischküchen frischen Fisch. Wir nahmen immer die kleine Küstenstraße (Autobahnen gab es damals ja noch nicht) über Alicante und Cartagena.
Von Almeria aus machten wir einen Abstecher nach Granada an dem Schneegebirge der Sierra Nevada vorbei und zu dem berühmten Maurenschloß Alhambra.
Dann wieder nach Malaga zur Costa del Sol und weiter nach La Linea, dem Grenzübergang nach Gibraltar.
Als Fußgänger konnten wir dort problemlos passieren und uns die alte britische Festung ansehen.
Bei schönstem Sonnenschein konnten wir den Affen auf den Felsen zugucken und durch Old England spazieren.
Über Algeciras und Cadiz, wo wir direkt am Hafen auf Parkbänken unter Palmen schliefen weiter nach Jerez de la Frontiera, wo der berühmte Cherry gekeltert wird, den die Engländer schon immer gerne als Aperitiv trinken, und den Ortsnamen Jerez zu Cherry verbalhornt haben.
Dann weiter nach Sevilla, wo wir mehrere Tage in der schönsten Stadt Spaniens verbrachten.

Auf der Landstraße nach Madrid hatten wir wieder besonderes Glück. Hinter Cordoba hielt ein großer Personenwagen und ein nettes Ehepaar, der Mann ließ Jesus, nahm uns mit bis in ihr großes modernes Apartment in der Madrider Innenstadt, wo wir dann noch mehrere Nächte in ihrem Gästezimmer schlafen durften, während wir uns die Hauptstadt anschauten. Danach nordwärts über Burgos, Bilbao, San Sebastian nach Biaritz in Frankreich. Dort mussten wir nach den schönen Tagen in Spanien entlang der Atlantikküste häufig im Regen laufen, da dann auch weniger Autos halten. Über Bordeaux , Lyon und durch die Schweiz kamen wir eine knappe Woche später wieder nach Berlin zu unseren Eltern.----